Aufbruch

Eine Geschichte aus 2019

Das Signalhorn der Lokomotive ertönte und ihr Ton hallte durch die hohen Hallen des Art-Deco-Bahnhofs der Mainmetropole. Die Männer und Frauen, die auf Gleis 7 standen, nahmen Abschied von ihren Angehörigen, umarmten Familie und Kinder. Väter, die zu monatelangen Geschäftsreisen aufbrechen und ihre Briefe Wochen in Richtung Heimat brauchen würden. Soldaten und Matrosen, die nach ihrem Heimaturlaub in ihre Kasernen zurückkehrten. Familien, die gar die Reise ins Ungewisse über den Atlantik wagen würden. Und junge Studenten, die den Aufbruch in ein neues Leben jenseits ihres Elternhauses antraten. In einen neuen in schottischem Karo-Stil gewebtes Tweed-Jackett Jackett und einen den winterlichen Temperaturen entsprechenden Mantel gekleidet, stand Studiosus Carl Otto Brandt am Gleis. Er wippte mit seinen Füßen vor und zurück und starrte angespannt auf das Zugfenster ihm gegenüber. Sein Atem bildete kleine Wölkchen. Es war beißend kalt an diesem Oktobertag des Jahres 1924. Er wandte seinen Blick der Anzeigetafel des Gleises zu. Berlin. Abfahrt 14:30. »Carl, was ist los? Warum steigst du nicht ein?«, hörte er eine Stimme, die in diesem Moment weit weg schien. »Wie bitte, Vater?« Er drehte sich um. Carl sah seinen Vater an, dessen Augen ihn verwundert fixierten. »Der Zug fährt gleich ab, mein Sohn. Möchtest du nicht langsam einsteigen?«
»Doch. Ich…ich weiß nur nicht, ob ich das wirklich kann.«
Seine Mutter griff ihn am Arm. »Tu es für deine Familie. Das ist eine einmalige Chance! Der Kaiser wäre stolz auf dich.«
Carl nickte langsam. Er begriff, dass seine Zweifel bloße Nervosität waren. Er kniete sich zu seiner kleinen Schwester hinunter, die zusammen mit seinen Eltern am Bahnsteig stand und Tränen in den Augen hatte. »Musst du wirklich gehen, Carl?«
Er lächelte gequält. »Ja, das muss ich, Luise. Vor mir liegt ein neues Leben.«
»Du musst mir versprechen, Briefe zu schicken und Süßigkeiten. Und Bilder aus Berlin. Es soll so eine große Stadt sein«, sagte sie mit gespielter Empörung. Carl strich ihr durch das Haar. »Ich verspreche es.«
Der Schaffner sprang aufs Gleis und blies in seine Pfeife. Mit kräftiger Stimme rief er: »Abfahrt. Alle Gäste einsteigen, bitte!«
Carl nahm sein Gepäck und stieg in den Zug ein. Er nahm in einem Abteil Platz, von dem aus er seine Familie sehen konnte. Seine Mutter drückte die Hand seines Vaters fest. Es war ein emotionaler Moment für sie und Carl erkannte, dass sie Tränen unterdrückte. Ein weiteres Pfeifen ertönte und die Türen wurden verriegelt. Wenige Momente später ging ein Ruck durch den Zug und die Lokomotive schob sich langsam voran. Mit dampfenden Schnauben fuhr sie an. Otto öffnete die Fenster, hob seinen Kopf heraus und winkte mit seiner Ballonmütze seiner Familie zu, die immer kleiner wurde, je weiter der Zug sich aus dem Bahnhof schob. Das kräftige Schnauben der Lokomotive brachte sie schnell auf Reisegeschwindigkeit. Die Fahrt würde etwa 7 Stunden dauern. Eine quälend lange Zeit. Carl schloss das Fenster. Er wollte sich nicht vor seiner Ankunft noch erkälten. Das Abteil, in dem er saß, war noch leer. Er zog seinen Mantel enger an sich. Der Kälteeinbruch war dieses Jahr besonders früh gekommen. Für seinen Vater – ein angesehener Kaufmann – waren dies schlechte Nachrichten. Die See waren bereits jetzt teilweise gefroren, sodass die Handelsflotte des deutschen Reiches nicht wie geplant aufbrechen konnte. Für seinen Vater waren das keine gute Nachrichten. Noch immer war das Phantom der Inflation in den Köpfen der Menschen. Auch seine Familie hatte darunter gelitten. Für mehrere Monate hatte sein Vater die Geschäfte aufgeben müssen, da die nahezu minütlich wachsenden Preise jeden Handel unmöglich gemacht hatten. Das über Generationen angesammelte Vermögen war in nahezu einem Jahr fast vollständig aufgebraucht worden. Derartige Beschimpfungen auf die ferne Regierung in Berlin wie sie sein Vater ausgestoßen hatte, hatte er noch nie gehört. Umso erleichterter war er dann gewesen, dass sein Sohn einen Studienplatz an der Friedrich-Wilhelms Universität für Rechtswissenschaften und Geschichte erhalten hatte: »Damit du einmal bessere Entscheidungen triffst, als die da oben, Carl«, hatte er gesagt. Auf seinen Schultern ruhte die schwere Last des familiären Erbes. Seine Ausbildung und die seiner Geschwister hatte seiner Familie sehr am Herzen gelegen. Ohnehin war seine Familie erheblich geschrumpft. Viele Angehörige waren im Krieg gefallen, andere während der Ausschreitungen im Herbst 1918, andere wiederum erlagen der Spanischen Grippe. Auf einem strengen, altsprachlichen Gymnasium hatte er das Latein Vergils und das Griechisch Homers gelernt; sein Vater hatte ihn häufiger als er noch jünger war auf Reisen nach Europa und einige Male sogar nach Übersee, in die Vereinigten Staaten und Südamerika mitgenommen. Obwohl es seinen Eltern vermutlich lieber gewesen wäre, dass er in einer kleinen, romantischen, fernab des hektisch-gefährlichen Großstadtlebens liegenden Stadt studiert hätte, hatte er doch unter dem Eindruck seiner Reisen auf Berlin beharrt und hatte sich schließlich überreden lassen, sich auch bei anderen Universitäten um eine Zulassung zu bemühen. Für die erste Zeit in der er noch keine eigene Bleibe gefunden hätte, würde er bei einem Verwandten von ihm, Albert Cronthal, wohnen können, der als Bankier für die Reichsbank tätig war. Bisher hatte er mit Albert nur brieflich korrespondiert, persönlich kennengelernt hatte er ihn noch nicht. Zweifellos dürfte er eine Menge interessanter Geschichten zu erzählen haben. Albert arbeitete bei einer der mächtigsten Einrichtungen des Deutschen Reiches. Carl lehnte sich zurück in den Ledersitz des Abteils. Was ihn wohl in der Hauptstadt erwarten würde? Der Sündenpfuhl der Dekadenz wie es die Lokalpresse gerne formulierte oder viel das neue Zentrum der Welt, ein Urteil, in dem Intellektuelle aus aller Welt übereinstimmten, die nach Berlin strömten, wo scheinbar alles möglich schien. Der Krieg hatte die Welt verändert und Deutschland mit sich. In den Menschen, die er auf den Feldern neben den Bahngleisen arbeiten sah, erkannte er wahre Bitterkeit und in seinem Spiegel das eigene Glück, für einige Jahre sich ganz seiner eigenen Geschichte widmen zu dürfen, sie zu bestimmen, wie er es im Sinn hatte. Er schloss das offene Fenster des Abteils. Er hasste kalte Windzüge. Allmählich entspannend ließ er sich in den mit Leder bezogenen Sitz fallen und schloss die Augen. Das monotone Rattern der Zuggleise wog ihn langsam in einen unruhigen Schlaf. Seine Gedanken drifteten ab. Es war ein kalter Januarmorgen vor fünf Jahren. Der Krieg war vorbei. Der Kaiser hatte abgedankt, er und seine Freunde seien verschwunden. So hörte man es aus Berlin. Unsicherheit ergoss sich über das Land. Was geschah mit den Hunderttausenden von Soldaten, die nun zurückkehrten? Carl erinnerte sich genau an den Moment, den er nun erneut durchlebte. Er saß über seinen Schulbüchern, deren Inhalte vor seinem inneren Auge sofort wieder in bleierne, qualmende Streifen zerfaserten. Vor vier Jahren hatte er noch mit vorgetäuschter, glühender Begeisterung Horaz zitieren müssen. Er hatte gesehen, wie Legionen von Oberstufenschülern sich freiwillig auf dem Schulhof gemeldet hatten, wie sie sich diensteifrig in Reih‘ und Glied aufgestellt hatten, um den Leutnant zu beeindrucken, den die Armee abgeordnet hatte um den Krieg, der Deutschland endlich zur Weltmacht machen sollte, auszufechten. Er hatte damals von einem Fenster auf den Hof hinabgeschaut. Das Bewusstsein, was diese armen Jungen erwarten würde, hatte sich erst nach und nach gebildet. Heute meinte er in ihren Augen das Blitzen der Säbel, eine fanatische Sehnsucht nach Ruhm und Ehre erblickt zu haben. Was davon geblieben war, vier Jahre später? Eine Gräberlandschaft, unzählige Tote, verstörte, weinende Mütter und versteinerte Väter, die nie wieder ein Wort sprachen oder gar selbst gefallen waren. Doch es war nicht dieses Bild, das ihm durch den Kopf geisterte. Es war ein kalter Januarmorgen vor fünf Jahren und es klopfte an der Tür. Carls Mutter hatte sich aufgemacht, um Rationen abzuholen. Sein Vater war auf eine Parteisitzung gegangen, um sich darüber zu beraten, wie man sich der Reichsregierung gegenüber verhalten sollte. Wer konnte das sein?, dachte er. Niemand klopfte um diese Zeit, wer wagte es, ihn bei seiner Lektüre zu stören? Der schlaksige Vierzehnjährige stürmte das Treppenhaus hinunter. Ohne sich mit einem Blick durch das Spähglas zu vergewissern, wer der Besuch war, öffnete er die Tür und wollte dem Ankömmling einen frechen Spruch entgegenwerfen, da musste er stocken. Es war sein Bruder. Er trug seine gebügelte Uniform und Stahlhelm unter den Arm geklemmt. An seiner anderen Hand hing eine lederne Tasche und über seine Schulter spannte sich die Leine eines Seesacks. Seine schmalen Lippen waren aufeinandergepresst. Am Haaransatz zeigten sich einige Narben von Wunden, die er im Krieg erlitten hatte. Seine Nickelbrille, durch welche seine grauen Augen seinen Bruder anschauten, ruhte souverän auf seiner Nase. Eine gewisse Leere lag in seinen Augen. Carls Bruder sagte zunächst nichts und erst verzögert schien ihm klar zu werden, dass sein kleiner Bruder vor ihm stand. Carl fiel dieses Zögern jedoch kaum auf. Eine innere Freude breitete sich in ihm aus. Es war Jahre her, dass ihn Bruder zuletzt gesehen hatte. Er hatte sich gleich zu Beginn des Krieges freiwillig gemeldet, mit einem gewissen Überschwang, der ihn überrascht hatte. Sein Bruder hatte den Krieg gehasst wie nichts sonst in seinem Leben. Er hatte die Regierung verabscheut, die Deutschland in diesen Krieg hineingezogen hatten. Was hatte es zu gewinnen gegeben? Nach der Lektüre der Tagebücher seines Bruders wusste er es. Es ging um ein Mädchen, um dessen Hand er im Geheimen angehalten hatte. Sie hatte Ja gesagt und er hatte sich in einem seltsamen Anwandlung von Hochstimmung und übermäßigem Selbstvertrauen an die Front gewagt, dort wo Helden gemacht würden, wie er dachte. Wo er endlich die Anerkennung erlangen würde, nach der er sich so gesehnt hatte. Seine gesamten Überzeugungen hatte er für sie über Bord geworfen. Nun stand er vor Carl, ein wenig nass vom einsetzenden Regen, in dessen Begleitung sich der dunkelgraue Himmel befand. »Kann ich reingekommen?«, fragte er. Carl nickte und ließ ihn herein, dann umarmte er herzlich seinen Bruder. »Mama wird sich so freuen, dass du wieder hier bist, wohlbehalten bei uns. Endlich sind wir wieder alle zusammen.« Die Worte sprudelten regelrecht aus Carl hinaus, nachdem die erste Stille vorüber war. So vielen Familien aus ihrem Freundeskreise hatte der Krieg unendliche, menschliche Opfer abverlangt. Dass ausgerechnet sein Bruder überlebt hatte, war ein einmaliges Glück.

Wie erwartet war auch seine Mutter außer sich vor Freude. Sie bestand sofort darauf, ein für Wochentage unangebracht reichhaltiges Abendessen vorzubereiten, während sie auf Carls Vater warteten, dessen Parteisitzung sich bis in den Abend zog. Sein Bruder wirkte während dieser Zeit, die mit den heiteren Stimmen aus dem Grammophons angereicht war, seltsam abwesend. Seine Blicke waren starr ins Nichts gerichtet. Es war, als lief vor seinen Augen immer wieder der gleiche Film, dessen Hergehen mit einem regelmäßigen Verkrampfen des Kiefers und dem Hervortreten einer Ader auf der Stirn verbunden war. Er hatte sich umgezogen. Als gegen acht Uhr abends Carls Vater durch die Tür trat, verschwitzt und nach Rauch stinkend, konnte dieser zunächst überhaupt nicht verarbeiten, dass sein anderer Sohn nach Hause gekommen war. Der Sohn, den er an den Krieg verloren geglaubt hatte. Er setzte sich an den Tisch und trank innerhalb weniger Minuten drei Flaschen Bier. Sein Blick flitzte irre umher. Dann erst – eine halbe Stunde später – als sich sein Bauch mit Schweinelende gefüllt hatte, wanderten seine Augen zu seinem anderen Sohn und dessen Rückkehr wurde ihm dann erst bewusst. Man merkte, wie er nach bedeutungsvollen, tröstlichen, verständnisvollen Worten rang. Die ganze Familie bemerkte, was aus dem bei Kriegsbeginn ungewöhnlich euphorisierten Mann geworden war, dessen Anflug von nationalen Gefühlen sich immer stärker gesteigert hatte, bis er schließlich an jenem Oktobermorgen 1914 aufgebrochen war, nach Westen. Er hatte sein Essen kaum angerührt. Worüber hätten sie mit ihm sprechen können? Darüber, dass Deutschland nun eine Republik war? Darüber, dass der Krieg vorbei war und es jetzt nur noch aufwärtsgehen konnte? Sie schwiegen. Der Abend verstrich in seltsamer Stille. Schließlich stand Carls Vater auf und sagte: »Ich schlag‘ vor, wir schlafen eine Nacht über alles.«
Keine Umarmung, kein Handschlag gab es für seinen Sohn, der den grausamsten Krieg gesehen hatte, den die Welt bis dahin gesehen hatte. Seine Worte waren ein hilfloser Versuch zwar, aber niemand hatte ein besseres Abschlusswort für diesen eigenartigen Tag. Carls Bruder kehrte in sein altes Zimmer zurück, dass sich direkt über Carls befand. Es war ein karges Zimmer, von dessen Fenster aus sich ein Blick auf die Straße und die im Garten gepflanzte Eiche bot, die nach über neunzig Jahren zu beachtlicher Größe herangewachsen war. Die Bettwäsche hatte Carls Mutter unmittelbar nach der Abreise von ihrem älteren Sohn in den Krieg gewechselt und dann vier Jahre nicht mehr. In dem schweren, aus dunklem Tropenholz gefertigten Schrank, den Carls Vater aus Kiautschou mitgebracht hatte, hingen noch immer ordentlich die Anzüge und Hemden, die Carls Bruder so gerne getragen hatte. Sie hätten ihm nicht mehr gepasst. Es war ein schönes Zimmer, sauber und aufgeräumt. Staub hatte sich auf den Regalen mit politischer Literatur, in den Fugen der Bodendielen und auf dem Schreibtisch gesammelt. Carls Mutter hatte es aufgrund der überraschenden Ankunft ihres anderen Sohnes nicht mehr geschafft, diesen zu entfernen. An der Wand hing ein einziges, für die Größe der Wandfläche, eigentlich viel zu kleines Bild. Es war der Druck eines Gemäldes. Carls Bruder ging nach dem katastrophalen Abendessen früh zu Bett, während seine Eltern noch lange unten blieben. Carls Vater trank viel in letzter Zeit. Er hatte bereits den ganzen Tag über viel getrunken und seine Augen tanzten unruhig umher. Die Nacht war eigenartig. Carl konnte nicht schlafen. Sein Vater saß bis spät in die Nacht am Esstisch und führte laut Selbstgespräche. Seine Mutter schrie und sein Bruder gab keinen Ton von sich. Es war längst nach Mitternacht als sich Carls Eltern zu Bett begaben und sich Stille über das alte Patrizierhaus legte, dessen wechselhafte Geschichte die Realität spiegelte. Carl starrte während jener Nacht stundenlang die Decke seines Zimmers an. Der Mond war nahezu unsichtbar in der bewölkten Nacht. Ein schwarzer Schleier hatte sich vor seine weiße Sichel gelegt und verbarg die Stadt in Finsternis. Irgendwann schlief er ein. Es dürfte gegen vier in der Früh gewesen sein, als er hörte, wie sich irgendwo im Haus ein Fenster öffnete. Er vernahm ein Scharren. Sogar den eisigen Wind meinte er heulen zu hören. Es blieb ruhig für weitere zehn Minuten, dann – in dem Moment, als er seine Augen wieder schloss – hörte er einen lauten, gewaltigen Knall. Sein Bruder. Carl stand wie ein perfekt funktionierender, mechanischer Automat auf und eilte in seinen Schlafrock gehüllt aus seinem Zimmer und die Treppe hoch. Auch seine Eltern schienen den Knall gehört zu haben. Er konnte dumpf ihre Stimmen hören. Die panischen Rufe seiner Mutter. Keuchend blieb er vor der Zimmertür seines Bruders stehen und drehte am Türknauf. Merkwürdigerweise war die Tür nicht verschlossen. Er trat ein und sofort umfing ihn die furchtbare Kälte. Das Fenster zur Straße stand offen und seltsam erschien der alte Eiche im Garten, während der Vollmond hineinschien. Die Zeit schien sich plötzlich für Carl zu verlangsamen und sich auf einen einzigen Moment zu verkürzen. Während in seinem Kopf plötzlich Musik zu spielen begann, die er erst viele Jahre später hören sollte, ruhte sein Blick auf seinem Bruder. Der leblose Körper lag verdreht auf der Bettkante, der Blick starr auf die gegenüberliegende Wand gerichtet. Einer Meereswelle gleich, die langsam an den Strand angespült wurde, breitete sich das Blut auf dem weißen Bettlaken aus. Ein schwaches Röcheln drang noch aus der Kehle seines Bruders. Die immer glasiger werdenden Augen, richteten sich auf Carl. Ein Schauer durchfuhr diesen. Es lag etwas in diesem Blick, das ihm Angst bereitete. Auf dem Boden lag der Revolver, ein Armeemodell, das den Entschluss seines Bruders verwirklichte, sich das Leben zu nehmen. Aus seiner linken, zur Faust geballten Hand ragte eine Fotographie hervor, die wohl eine Frau zeigte. Weiß traten die verkrampften Knöchel hervor, als würde die ganze, verbliebene Kraft seines Bruder darauf gerichtet sein, das Bild zusammenzupressen. Der Körper seines Bruders zitterte und bebte. Das Blut strömte nun noch heftiger aus der Wunde am Kopf und die sanfte Flut verwandelte sich in einen reißenden Fluss. Eine gräßliche Übelkeit stieg in Carl auf. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Er eilte zu seinem Bruder. Heiße, bittere Flüsse von Tränen rannen sein Gesicht hinab und vermischten sich mit dem See aus Blut. Carl erbrach sich auf dem Flur. Dann hörte er laute Schritte. Seine Eltern stürmten ins Zimmer, seine Mutter voran. Sein Vater schnaufend hinterher. Ein lauter Schrei, ins Unendliche verzerrt, fegte durch Carls Kopf. Seine Mutter drängte Carl zur Seite und hielt den Kopf ihres sterbenden Sohnes hoch. Der Moment des Verschwindens des Lebens, das man selbst in die Welt gebracht hatte, das nicht durch Gewalt, Schicksal oder Verbrechen aus der Welt gerissen worden war, sondern durch innere Ängste und Zwänge, die unergründlich waren, musste ihr Innerstes erschüttern. Sein Vater stand wie paralysiert am Kleiderschrank von Carls Bruder angelehnt. Seine Beine zitterten. Carls Bruder richtete seinen Blick ein letztes Mal auf seine Mutter. Seine Gesicht trug einen undefinierbaren, verstörenden Ausdruck. Seine erratisch zuckenden Mundwinkel verzogen sich zu einem matten Lächeln. Dann erstarb es auf seinen Lippen. Seine Blick wandte sich ab und er richtete seinen Blick in das Nichts. Der kalte Wind heulte und fegte durch das offene Fenster. Die alte Eiche tanzte im Sturm, der nun hinaufzog.

Photo by Adam Bixby on Unsplash

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