Rückkehr

Die Jahre vergingen schnell. Sehr oft war dem Mann der Gedanke gekommen. Nun dachte er nicht mehr so oft an das Verstreichen der Zeit. Er hatte diese Besessenheit aufgegeben. Das schrecklich laute Ticken der Uhren um ihn, das erbarmungslose Versinken der Sonne in den schönsten Abendstunden… Eigentlich bestimmte er selbst, wie schnell die Zeit vergehen sollte. Der Mann schnaufte und legte die gespaltenen Holzscheite auf einen Stapel. Sein Atem stieß weiße Wolken in die eisige Gebirgsluft. Es war bereits alles vorbereitet. Der Winter mochte kommen und es würde ihn nicht stören. Hier oben war er weit entfernt von allem und nur bei sich. Er blickte die steilen Felswände hinauf, die mächtig aufragten. Nur noch Schnee, zu jeder Jahreszeit, fand sich dort oben noch. Im Frühling lagen die Gipfel nebelumwölkt im Verborgenen. Ganz mystisch sahen sie dann aus. Fallböen aus der Höhe zerrten dann an den Fenstern und Türen seiner Hütte und flehten um Einlass. Wenig leistete ihm hier, abgeschieden von allem, was sprach, Gesellschaft. Manchmal hatte er das Gefühl, dass es nur der Berg war, der mit ihm in Kontakt trat. Nachts, wenn er mit geöffneten Augen in seiner kargen Hütte lag und fahles Mondlicht durch das große Fenster fiel, dann trat ein eigenartiges Brummen an seine Ohren und wenn er genauer in die Tiefe hinein lauschte, erkannte er Worte und dann Sätze. Aber dies geschah auch immer seltener und schon seit einigen Monaten war der Berg ganz verstummt; fast so, als hätten die beiden sich nichts mehr zu sagen. Er war müde. Das Holzhacken hatte ihn angestrengt. Der Mann klemmte sich einige Holzscheite unter die Arme und schlurfte langsam zu seiner Hütte zurück. Sie befand sich auf einer Anhöhe, die über einem stark bewaldeten Hang lag. Ein schmaler, rauher Pfad führte hinunter ins Tal. Sehr selten nur verirrten sich Wanderer hierher. Die Gegend war karg und felsig. Es war leicht, vom sicheren Pfad abzukommen. So verbrachte der Mann die meiste Zeit auf sich alleine gestellt. Nur manchmal kam eine ältere Frau, die zusammen mit ihrem schwerhörigen Mann in einem Bauernhaus weiter unten im Tal wohnte, mit einem Handwagen zu ihm hinauf und brachte einige Dinge, mit denen er sich nicht selbst versorgen konnte. Sie wechselten ein paar Worte, plauderten über unverfängliche Dinge. Dann verstrichen wieder Wochen. Der Mann öffnete die Tür, ging in die kalte Hütte und legte die Holzscheite in einen gusseisernen Ofen, den er unter größter Mühe den Berg hinauf geschafft hatte. Er wärmte sich die Hände am aufglühenden Feuer. Er ging zu einem alten Sessel hinüber, in dem er den Abend zu verbringen pflegte und sah durch das große Fenster zum Tal hinaus. Stets versuchte er, dieses Fenster sauber zu halten, denn von hier aus bot sich ihm ein fantastischer Blick, fast wie ein Spiegel in eine andere Welt. Er sah hinaus auf die mächtig aufragenden Berge mit den schneebedeckten Kuppen, die reißen Gebirgsflüsse und Wasserfälle. Steinerne Landschaften, geschaffen vor Ewigkeiten. Hinunter im Tal sah er die für diese Gegend charakteristischen, steinernen Häuser, deren Türen stets dem Bergsee zugewandt waren, in dessen klarem Wasser sich das Gebirge spiegelte. Es war eine fremde Welt auf die er hinuntersah. Gute Gründe hatte er gehabt, dass er aus ihr geflohen war. Die Abenddämmerung senkte sich allmählich auf das Tal nieder. Eine bleierne Müdigkeit überfiel den Mann, der fast den ganzen Tag draußen zugebracht hatte. Er aß eine Kleinigkeit aus seinen Vorräten und legte sich dann auf das Feldbett, das er nahe des Ofens aufgestellt hatte. Er fiel in einen glücklichen Schlaf in dieser Nacht.

Es mochte noch in der Frühe gewesen sein, bevor der Morgen mit Rosenfingern erwachen würde, da wurde es auf einmal hell und der Mann drehte sich verschlafen zu dem großen Fenster um, das zum Tal gewandt war. Erstaunt stand er auf und ging zu dem Fenster hinüber. Er sah Lichter in den Häusern aufflackern, erst in einem, dann zwei. Wie eine Welle flammten die Lichter im Dorf auf. Auf dem zentralen Platz sammelte sich eine Schar schwach flackernder Lichter. Wie ein Schwarm Glühwürmchen schwebten sie durch die Dichte der allesumwohnenden Nacht. Etwas regte sich in dem Mann. Es gibt nur wenige Dinge, die derart stark die Erinnerung herbeirufen, als diejenigen, die man vergessen glaubte. Aus der totalen Finsternis seiner Hütte betrachtete er das Spiel der Lichter, das weit im Tal zu sehen war. Es war, als ob nur diese einzige Lichtquelle verblieben war in einer ansonsten finsteren Welt. Der Mann merkte gar nicht, wie schnell die Dunkelheit um ihn herum fiel und ihn in einen schwarzen Mantel hüllte, der ihn unsichtbar machte. Es rührten sich Erinnerungen in ihm. Lange in der Tiefe liegende Eindrücke drängten an die Oberfläche seines Bewusstseins. Das Lichterfest. Wie hatte er es nur vergessen können? Die Boote, die mit tanzenden Kerzen beladen hinaus auf den See fuhren. Den Geruch von Gewürzen und Nachtfrische, die ihm um die Nase wehten. So viele Dinge hatte er im Lauf der Jahre vergessen, die er hier in aller Abgeschiedenheit zugebracht hatte. Warum war er hierher gekommen?, fragte er sich. Was hatte ihn von den Menschen entfremdet, die er schon seit so vielen Jahren gekannt hatte? Er wusste es nicht mehr zu sagen. Er verspürte den inneren Drang, diesem Bild nachzujagen, es zu umarmen wie einen verlorenen Vater. Er griff nach seinem groben Mantel, öffnete die Tür und eilte hinaus. Wie im Traum wandelte er den einzigen Weg ins Tal hinunter. So oft war er in früher gelaufen, dass er auch in völliger Dunkelheit nicht fiel. Rauschende Bäume, stumme Felsen zogen an ihm vorbei. Der Himmel über ihm wurde zu einer dunklen Kuppel, die hie und da von hellen Streifen durchwirkt war. Er hörte sein aufgeregt pochendes Herz. Es war, als wäre in ihm etwas aufgewacht, was viel zu lange im Schlaf gelegen hatte. Die Insel des Lichts in der Ferne wurde immer greller und größer. Nicht mehr weit konnte es sein. Irgendwann spürte er unruhigen Boden unter sich weichen, der nun Steinpflastern Platz gab. Er eilte vorbei an den eigenartig verschwommenen Häusern, die vollständig verlassen schienen. Seine Füße trugen ihn zum Steg auf den See hinaus. Eine große Gruppe Menschen stand dort und blickte auf das golden schimmernde Wasser hinaus in dieser Nacht. Die Boote fuhren wie von Geisterhand bewegt auf das kleine Eiland inmitten des Sees zu.

Es dauerte nicht lange, bis man ihn bemerkte, wie er sich keuchend bis zum Ufer vorschob. Man rief seinen Namen, aufgeregt wurden Worte ausgetauscht.
»He-u!«, riefen sie gemeinsam, wie sie es immer getan hatten.
Ein homerisches Lachen erfüllte die Luft und versetzte sie in Schwingung. Er sah viele Menschen von früher vor sich, beinahe erschienen sie als wächserne Gestalten im ständigen Tanz des Lichts. Was sollte er ihnen nach dieser Zeit sagen? Ich habe gelebt, wollte er sagen, doch keines dieser drei Worte schien gehört worden zu sein.

Für einen kurzen Moment schloss der Mann die Augen und als er sie wieder öffnete, war die Welt um ihn verändert. Still war es plötzlich. Und dunkel. Nur das silbrige Licht des Mondlichts ließ ihn gewahr werden, dass er alleine auf dem alten Steg stand, der hinaus auf den See führte. Keine Menschen oder Häuser um ihn. Nur das heisere Singen des Windes, der die Gebirgswände hinunterstürzte. Es war vorbei. Der Mann ließ sich erschöpft auf den Steg nieder und sah hinaus auf das schimmernde, leicht wogende Wasser, dem er früher so viele Geheimnisse anvertraut hatte. Er lächelte. Nun gab es ein Weiteres.

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