Masken

Herbst. Winter. Frühling. Sommer. A. liebte es, die Jahreszeiten zu erkunden und durch Parks, Wälder zu spazieren. Zahllose Eindrücke taten sich ihm offen und die Welt zeigte ihre wunde Seele. Wie jeden Sonntag verließ der alleinstehende A. seine Wohnung in der Römischen Straße. Der Sommer hatte seinen Schwingen bereits gesenkt und ein kühler Windzug strich nun über die Häuserdächer. Aus den Restaurants und Bars, die ihre Tische und Stühle auf der Straße aufgebaut hatten, drang fröhliches Geklirre und frivoles Gelächter. In einen hochgeschlossenen Trenchcoat gekleidet, schritt er in sich gekehrt die Allee hinab. Er erhaschte Bilder, die sich in den abendlichen, in goldenes Licht getauchten Wohnungen abspielten. Er lächelte und genoss das Licht, das die untergehende Sonne auf seine Haut warf. Manchmal dachte er eben an sich selbst. Nicht weit von seiner Altbauwohnung befand sich der Fluss, nach dem die Stadt benannt war, und der sie durch seinen gewundenen Lauf zerschnitt. Die Uferpromenade war herrlich begrünt und zu jeder Jahreszeit nahm er sich Zeit, zu flanieren und seine Umgebung zu beobachten. Der noch immer wolkenlose Himmel deutete daraufhin, dass die Götter seinem Vorhaben gegenüber wohlgesonnen waren. Er hörte die ausgelassenen Stimmen junger Menschen, die es für die letzten Tage des Sommers an den Fluss zog. Wenige Erinnerungen nur waren aus jener Zeit geblieben, in der er selbst einmal so gewesen war. Flüchtige Streifzüge durch die Nacht, bedrückt von Sorge um die Zukunft. Er hatte sich selbst stets mit Unsicherheit umgeben, um nicht dem Genießen zu verfallen. Sie hatten ihn verlacht, ihm seine menschliche Erfahrung abgesprochen. A. setzte sich auf die Parkbank, von der aus er auf denen Fluss hinausblickte. Er rückte seine Brille zurecht und sah zum anderen Ufer hinüber. Familien lagen im Gras und grillten. Einige Studenten spielten im Sand. A. saß auf der Bank und betrachtete das glitzernde Schiff, das sich durch das trübe Wasser schob. Einige andere liefen an ihm vorbei, traten heftig atmend in die Pedale, um ja nicht sich selbst zu begegnen. Diese Begegnung könnte für sie schrecklich enden. A. geriet ins Nachdenken: Wo jetzt noch süße Wärme die Kälte aus den Menschen trieb, würde bald eisiger Wind herrschen. Schneestürme würden über die Türme und Dächer der Stadt hineinbrechen und Verzweiflung ihre Bewohner ergreifen. Machtlos im Angesicht von Schnee, Eis und dem Zorn der Erde kämen sich die Stadtbewohner klein und unwichtig vor. Es war die Zeit, in der viele gleich den Vögeln in wärmere Regionen aufbrachen. Nachdenklich sah er in den Himmel hinauf. Sterne hatte er seit Jahren nicht mehr zu Gesicht bekommen. Das Glitzern der Bewohner des Firmaments, die den Menschen zur Ordnung rufen und ihn daran erinnern, wie winzig klein er doch ist, war erloschen. A. stand von der Bank auf und trat den Rückweg an. Das Universum entfloh in die Unendlichkeit des Raumes. Es war nun dunkel geworden. Die scheinbar körperlos im Raum schwebenden Lampen der Straßenlaternen begleiteten ihn. Er sah hinauf zu den Wohnungen, die seinen Weg säumten. Nur dort, wohin das grelle Licht der Laternen nicht drang, schienen die Bewohner der Stadt ihr Ich zeigen zu wollen. Mit in den Manteltaschen versenkten Händen ging er gemächlich die Straße hinunter. Wer drängte ihn zur Eile? Er bog in östliche Richtung in eine kleine Seitengasse ab. Der Weg, den er in seinem Kopf entworfen hatte, war ihm nur allzu gut vertraut. Der lange Pfad über zerbrochenes Pflaster ließ hinter ihm das Licht der Straße schwächer und schwächer werden. Der Behang der an den über die Breite der Gasse gespannten Wäscheleinen verdunkelte das karge Mondlicht. Gespenstisch schwebten die weißen Kleider in einer Brise, die kühl vom Himmel herabfiel. Als er das Ende der Gasse erreichte hatte, bog er ein weiteres Mal um eine Ecke, hinter der ihn ein grelles Neonlicht empfing. Eine Bar. Einige verschwommene Gestalten standen davor und unterhielten sich unhörbar. A. ging an ihnen vorbei ins Innere. Seinen Trenchcoat hing er über den völlig überfrachteten Kleiderständer. Es war sehr gut möglich, dass er ihm gestohlen würde. Seufzend ging er zur Theke und bestellte den billigsten Cocktail, den er auf der klebrigen Karte identifizieren konnte. Der Barkeeper sah ihn leicht verärgert an. Mit diesem Getränk wurde kein Geld verdient. A. lächelte komisch und wandte sich dann ab. Die Bar war bereits zu dieser jungen Uhrzeit bereits relativ gut gefüllt. Viele Erinnerungen verband er mit diesem Ort. Es war, als könne er sein jüngeres Ich sehen, wie es mit seinen Freunden tanzte, lachte und nicht darüber nachdachte, dass das ältere Ich viele Jahre später diese Dinge wie ein Echo sehen würde. A. winkte sich zu. Dann schon zerflossen die Bilder, die er selbst an diesen Ort gesetzt hatte. Es war ein Spätsommerabend wie viele andere auch. Doch zum ersten Mal realisierte A., wie seltsam es war, zu dieser Zeit am Leben zu sein. Alle Menschen um ihn schienen sich wie Traumbilder um ihn zu treiben, wie bloße Bilder, mit denen er nicht zu interagieren vermochte. Es machte ihn traurig, als ihm dieser Gedanke kam. Der Barkeeper servierte ihn in ungehobelter Manier den Cocktail. Ein Großteil schwappte dabei bereits aus dem Glas, als er das Glas vor A. auf den Tisch knallte und die Hand aufhielt. A. bezahlte passend. Eigentlich sah er gar keinen Grund mehr, sich dem Genuss hinzugeben. Von allem, was man sich nur vorstellen konnte, hat er getestet. Von den süßen Lippen einer Frau, von der er dachte, sie würde ihn lieben, von jedem erdenklichen Rausch, von Einsamkeit und großer Freude. Welche Dinge mochte das Leben noch bereithalten, um ihn zu überraschen? Der Cocktail schmeckte fürchterlich und einem Patienten gleich, der unter dem gestrengen Blick des Arztes die rettende Medizin hinunterschluckt, entledigte er sich des Getränks. Er stand auf und stellte fest, dass sein Trenchcoat noch an seinem Platz war.

A. machte sich auf direktem Weg zurück in die Römische Straße. Er folgte schon lange nicht mehr den schildern, sondern erging sich darin, auf Umwegen zurück zu finden. Heute Abend unterließ er dies jedoch. Er ging gemächlich wankend die Stufen zu seiner Wohnung hinauf, schloss nach einigen Fehlgriffen die Tür auf und betrat den Flur. Die einsame Dunkelheit einer verlassenen Wohnung empfing ihn. A. schaltete einige Lampen ein und schon erhellte ein schummeriges, orangenes Licht die Wohnung, die im Schattenspiel von Straßenlaternen, hoch aufragenden Möbeln und dem geheimnisvollen Licht der Lampen gänzlich unwirklich wirkte. A. setzte sich in den großen Sessel, der gegenüber des Fensters zur Straße stand. Von hier aus hatte er einen guten Blick über die Häuserdächer hinweg auf den nächtlich wolkigen Himmel. Dünne Wolkenstreifen zogen gemächlich am schwach schimmernden Mond vorbei. Auf dem Beistelltisch lag schon geraumer Zeit das Werk »Die Beschränkungen der Unendlichkeit« eines unbekannten, russischen Philosophen, das er antiquarisch erworben hatte. Es war ohne Zweifel das seltsamste Werk, das er je gelesen hatte, denn es nahm sich als Almanach des Lebens aus. Jeder einzelne Satz eröffnete eigenartige, aber bannende Perspektiven und an Tagen wie diesen genoss A. wenige Dinge mehr, als sich mit dem schweren Ledereinband niederzulassen und gegen das Mondlicht zu lesen, während draußen die Geräusche des Verkehrs, der Autos, der promenierenden Menschen leiser und leiser wurde, bis es zur Nacht gänzlich verstorben war. Die Stunden schritten weiter und weiter voran, bis A. in seinem Augenwinkel ein seltsames Leuchten wahrnahm. Der grelle Schein ließ ihn von seiner Lektüre aufschauen. Es war schon späte Nacht, aber in einer der Wohnungen auf der anderen Straßenseite – der mit den ungeraden Hausnummern – war Licht angezündet worden. A. wusste auch nicht so recht, was ihn in jener Nacht zum Voyeur werden ließ. Die Gardinen der Wohnung waren nicht zugezogen und da die römische Straße nicht so breit war, konnte er einigermaßen gut erkennen, was sich dort auf der anderen Seite abspielte. Vorsichtig trat er von der Seite her an das Fenster heran und lehnte sich vorsichtig vor. Er erschrak! Ihm waren die Bewohner des Hauses gegenüber nur allzu vertraut. Er sah sie häufig, wie sie morgens aus ihren Häusern zur Arbeit schwärmten. Was sich ihm nun für ein Anblick bot, war eine Erscheinung des Schreckens, die in A. eine Furcht trieb, die er so noch nie gekannt hatte. Eine Frau und ein Mann saßen sich an einem Tisch gegenüber. Zwischen ihnen stand eine bereits stark heruntergebrannte Kerze, deren Wachs den metallenen Halter hinunterlief. Es hatte eine Weile gedauert, bis A. überhaupt bemerkt hatte, was nicht stimmte. A. sah gerade, wie die beiden an ihrem Gesicht zerrten und sich etwas davon löste. Wie Wachs zogen die beiden eine bleiche Maske von ihrem Gesicht. Darunter verbargen sich scheußliche Antlitze. Wahre Gesichter, die wirkten wie die Masken aus der Commedia dell’Arte, groteske Fratzen, in denen das Wesen der Personen verkörpert war. Jedes Laster, jeder Makel war ihnen ins Gesicht gezeichnet. Nichts, was sie in ihrem Leben getan hatten, hatte keine Spuren hinterlassen. Wie gebannt starrte A. auf die Gesichter der beiden Bewohner. Es war, als würde er den Menschen tief in die Seele blicken. Eine fast schon groteske Faszination ging von dem aus, was er da sah. Doch je länger in die scheinbar bewegungslosen Fratzen starrte, desto stärker drängte sich in ihm die Erkenntnis auf, dass er auch unter seinem gepflegten Gesicht schreckliche Wahrheiten verbergen musste. Auf viele Dinge, die er in seinem Leben getan hatte, wollte er am liebsten nie wieder zu sprechen kommen. Doch ein innerer Zwang überkam ihn. Er riss sich vom Fenster los, zog die Vorhänge zu und ging in sein in völliger Dunkelheit liegendes Schlafzimmer hinüber. Ein großer Spiegel hing an der Wand neben seinem Bett. A. schaltete eine Lampe auf seinem Bettkommode an und trat vor den Spiegel. Vorsichtig begann er an der Haut des Haaransatzes zu ziehen. Fast schon wollte er zu glauben beginnen, all dies sei bloß Einbildung gewesen, als sich tatsächlich etwas löste, das sich wie Wachs anfühlte. A.s Herzschlag beschleunigte sich. Vorsichtig streifte er die wächserne Schicht ab, die auf seinem Gesicht lag. Dabei hatte er den Blick vom Spiegel abgewandt. Er betrachtete die Maske, die er in seinen Händen hielt. Zweifellos: Dies war sein Gesicht. Sein Bild, das er tagtäglich der Welt zeigte. Dann wandte er sich dem Spiegel zu. Er schrie. Dies musste das letzte Bild sein, das der Mensch vor seinem Tode sah: Sein wahres Ich, in unverstellter Form. Ein jeder besaß ein Bild von sich, jeder andere ein anderes Bild. Nie aber gelang es dem Menschen, sich selbst so zu betrachten, wie es ein Anderer tat. Das Bild, das wir von uns in uns trugen, war bloß eines von vielen, aber es war nicht wahre, das unverstellte Ich. A. taumelte zurück. Wie auf einer Landkarte gescheiterter Träume war in seinem Gesicht all dies abgebildet, woran er je in seinem Leben geglaubt hatte und nun im Staub lag, alles, was er in seinem Leben bereute, jeder seiner Charakterfehler und Laster. Jeder falsche Gedanke, jede Tat, mit der er anderen Schaden zugefügt hatte. Alles war verzeichnet. Er blickte in den Abgrund seiner eigenen Vergangenheit, die sich für ihn als in öligem Schleim zerfließendes, gräßliches Antlitz offenbarte. A. fühlte Splitter in sich. Es war, als hätte jemand eine Glasscheibe in ihm zertrümmert. Die echte Selbsterkenntnis war das Schmerzvollste, was er je erleben würde. Und doch wäre sie bald vergessen, begraben und den Pflichten und Sorgen des Alltags. Das Leben verlangte Opfer. A. schrie weiter und presste seine Hände auf die Ohren. Panisch griff er nach der Maske, die er sich soeben vom Gesicht gestreift hatte. Doch sie war verschwunden, hatte sich aufgelöst. Nun gab es nichts, hinter dem er sein wahres Ich verbergen konnte. So ergriff er die Flucht. Er ertrug seine eigene Gegenwart nicht mehr. Hinaus aus der Wohnung, weg von jenem schrecklichen Spiegel, hinaus auf die Straßen. Diese waren ungewöhnlich stark mit Menschen bevölkert, die um diese abendliche Uhrzeit die Bürgersteige entlang flanierten. A. stürzte durch die Mengen, sein Gesicht verzweifelt in den Händen verbergend. Er blickte verstohlen in die Gesichter der anderen und blieb dann stehen: Sie trugen alle sein Gesicht. Sein eigenes Gesicht. Die Maske, die er sein Leben lang getragen hatte. Sie hatten ihm seine Identität gestohlen. Wütend griff er die Gestalten an, die ihn mit seinem ausdruckslosen, leblosen Gesicht anstarrten. Rang sie auf den Boden und zerrte an den Gesichter. »Gib‘ sie wieder her!«, schrie er. Alle kalten Blicke richteten sich auf ihn. Es war, als würde er von seinen eigenen Augen beobachtet werden. Die Augen, die das gesehen hatten, war er gesehen hatte. Die gleichen Augen, die den Freuden angesichtig geworden waren, die er erlebt hatte. Sein eigenes Gesicht widerte ihn nur noch an. Die Masken traten näher an ihn heran. Er musste flüchten. A. rannte in die Nacht hinein, über die Brücke, durch die nächtlichen Straßen einer einsamen Stadt.

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