Wo Zeit vergeht (I)

Es war ein frostiger Winter. Um genau zu sein, war es der kälteste Winter seit Wetteraufzeichnung. Noch nie war ein derartiges Phänomen beobachtet worden. Die Menschen der Vorzeit hätten die Schneemassen, den eisigen, toten Wind als Strafe der Götter betrachtet. Das Wasser gefror bisweilen in den Leitungen und die Straßen waren für Autos unbefahrbar geworden. Ganze Berge von Schnee begruben die Zeichen menschlicher Zivilisation unter sich. Es schien beinahe so, als hätten sich die Häuserdächer in einsame Gebirgszüge verwandelt. Ich saß mit meiner Freundin am Küchentisch und trank Kaffee. Es war Sonntag. Dieses Ritual genoss ich sehr. Während vor der Tür Schneegestöber herrschte, saß ich mit ihr im Warmen und genossen das ruhige Hinfließen der Zeit. Die Zeiger der Uhr tickten angenehm langsam, ganz wie ich es mochte. Ich hasste nichts mehr als die Versandung der Zeit. Das Gefühl, wie sie in meinen Händen zerrinnt, war schwer zu ertragen. Es raubte mir regelrecht den Verstand. Gerade von den schönsten Momenten blieben mir nur flüchtige Erinnerungen. Ich merkte nun, wie mein Herz ruhig schlug und dieser eigenartige Druck in meinem Kopf nachließ. Ein freudiges Seufzen ausstoßend nahm ich einen Schluck aus meiner Tasse. Meine Freundin legte den Kopf schief. »Was ist? Warum so entspannt?«
»Ach, weißt du, ich genieße einfach diesen Moment mit dir«, sagte ich und legte meine Hand auf die ihre. Sie lächelte.
»Ich auch«, erwiderte sie und beugte sich vor. Sie gab mir einen zarten Kuss auf den Mund. In manchen Momenten schien die Zeit stillzustehen.
Unsere Blicke trafen sich und ich sah in ihre strahlend blauen Augen. Diese herrlichen, faszinierenden Augen, in die ich mich sofort verliebt hatte. Es war, als würde ein Sog von ihnen ausgehen, der mich in ihr Innerstes zog. Ich irrte mich keineswegs. Die Welt um mich herum schien auszufasern, in bunte Wellen und Linien zu zerbrechen. Es war, als wäre ich an einem gänzlich anderen Ort. Ich sah sie von Ferne über eine vereiste Brücke laufen. Die Stadt, der Fluss, alles war in einen milchigen Schleier gehüllt. Ich rief ihren Namen, aber sie wandte sich nicht um. Mich ergriff Unbehagen und ich eilte ihr nach. Ein weiteres Mal rief ich ihren Namen und sie blieb stehen. Langsam drehte sie sich um.
»Was willst du noch?«, fragte sie in frostigem Tonfall.
»Warum läufst du vor mir weg?«
»Was haben wir denn noch miteinander zu besprechen. Du bist wahnsinnig geworden, hast alles zerstört. Nichts, nichts, will ich je wieder mit dir zu tun haben.«
Dann erhob sie sich wie ein gewaltiger Schatten über mich und stieß ein furchtbares Fauchen aus. Ich erschrak und taumelte zurück. Alles um mich herum wurde in Millionen Mosaiksteine zerrissen, winzige Ausschnitte meines Lebens. Dann befand ich mich plötzlich wieder in meiner Wohnung, an jenem kalten, stürmischen Wintertag. Eine unheimliche Kraft stieß mich von meinem Stuhl. Ein lauter Knall ertönte. Unsanft landete ich auf meiner Schulter. Meine Freundin schrie auf. Sie eilte sofort zu mir. Ich war benommen. Meine Zunge schmeckte Blut. Meine Sicht versagte. Alles drehte sich.
»Ist…alles in Ordnung? Hast du dich verletzt?«
Ich wischte mir das Blut von der Lippe und nickte.
»Ja…, ja…, es geht.«
Sie half mir beim Aufstehen. Für den Rest des Tages sprachen wir nicht mehr über diesen Vorfall.

Es wurde eine ganz normale Woche. Ich ging am Morgen und kehrte abends zurück, fünf ganze Tage lang. Dann war es wieder Samstag. Das Wetter hatte sich kein bisschen gebessert, ganz im Gegenteil. Für die nächsten Wochen wurde mit intensiven Schneestürmen gerechnet. Es drohte der totale Kollaps der Stadt. Die Menschen gingen nicht mehr nach draußen und kauften nur das Nötigste. Straßen, Geschäfte und Parks verödeten, wurden erdrückt durch die immer schwerere Last des Schnees und des eisigen Windes, der wie ein Fluch den Menschen anhing. Es kam sogar soweit, dass eine Ausgangssperre verhängt wurde. Gegen die Natur konnte keine Sicherheitsgarantie ausgesprochen werden. Wir wurden zu Gefangenen. Vielleicht waren die Dinge, wie sie lagen, aber auch gar nicht so schlecht. So viel Zeit wie in diesen Tagen hatten meine Freundin und ich schon lange nicht mehr miteinander verbracht. Die Trübnis und die Unbarmherzigkeit des Alltags zehrte für eine Weile nicht weiter an uns und unsere Gedanken wanderten von Dingen der Arbeit hin zu denen des Lebens, unserer Zukunft und allem Vergangenen.
»Glaubst du an Zeitreisen?«, fragte ich sie, nachdem wir eine alte Verfilmung von H. G. Wells‘ Roman »Die Zeitmaschine« geschaut hatten.
»Zeitreisen ergeben schöne Erzählungen, aber die Wissenschaft sagt wohl eher nein.«
»Wäre es nicht faszinierend, die Zeit beeinflussen zu können? In die Vergangenheit zu reisen, Fehler zu korrigieren, reich mit diesem Wissen zu werden?«
Meine Freundin lehnte sich auf der Couch zurück und spielte mit einer Haarsträhne. Sie tat dies immer, wenn sie nachdachte.
»Ich glaube, dass man da wahnsinnig würde. Ich könnte nie glücklich werden, wenn ich aus der Zeit lesen könnte. Was, wenn ich wüsste, dass ich einen schmerzhaften Tod sterben würde? Würde ich etwas dagegen unternehmen können oder ist die Zeit fix und unveränderlich?«
»In dem Fall würde ich in der Zeit zu einem Zeitpunkt zurückreisen, bevor mich der Alb des Wahnsinns gepackt hätte«, scherzte ich mit dramatischer Stimme.
Sie verdrehte nur die Augen.
»Ach, du wieder!«, sagte sie und boxte mich in die Seite.

In jener Nacht schlief ich furchtbar. Stundenlang wälzte ich mich unruhig von der einen zur anderen Seite. Kein Mondlicht fiel durch das Fenster. Alles war in schwarze, zähe Finsternis gehüllt. Ich vernahm nur das regelmäßige Atmen meiner Freundin, die friedlich neben mir schlief. Mir dagegen gingen surreale Bilder durch den Kopf. Straßen, Autos und Bäume, die wie Sirup schmolzen. Grelle, abstoßende Fratzen, die mich aus dem Schwarz der Schatten immer wieder ansprangen. Stimmen, die in fremden, unmenschlich anmutenden Sprachen kommunizierten, sich in der Gewissheit wiegend, dass sie auf mich als Zuhörer keine Rücksicht zu nehmen brauchten. Ihr Gemurmel raubte mir jede Möglichkeit, einzuschlafen. Obwohl draußen eisiger Wind durch die Häuserschluchten zog, war mein Körper schweißgebadet. Die unnatürliche Hitze und Feuchte des Raumes wurde unerträglich und ich stand leise auf. Auf Zehenspitzen schlich ich mich aus dem Schlafzimmer. Eine bedrückende Stille lag in der Luft und brachte sie zum Zittern. Ich begab mich ins Badezimmer und zog meinen Schlafanzug aus. Kühles Wasser ließ ich mir über den Körper laufen und einen neuen Pyjama zog ich mir an. Ich ging ins Wohnzimmer und öffnete leise die Balkontür. Der Schneesturm hatte sich beruhigt und ich blickte auf die meterhohe Schicht aus weißem Pulver, die die Straße, die an der Seite geparkten Wagen und Hauseingänge bedeckte. Mein Atem kondensierte in der eisigen Nachtluft. Lange ließ ich meine Blicke über die Dächer der Stadt schweifen und dachte an diejenigen, die unter ihnen lebten. Hinter einzelnen Fenster brannte schwaches Licht. Vielleicht waren dort auch Menschen, die ihres Schlafs beraubt wurden. In Gedanken versunken, in Gedanken an ihre Familie, ihre Partner, die allgemeine Unwägbarkeit des Lebens. Es gab zu viele Gedanken, die uns Menschen nachts wachhielten. Ich sah in den Nachthimmel, der hier in der Stadt niemals wirklich dunkel wurde. Fasriges Licht durchzog ihn wie ein feines Nervengewebe. Sterne und künstliches, gräßliches Licht verschmolzen miteinander. Wie es Herbstblätter von der Erde durch die Luft weht, über Felder und Straßen hinweg, so erschienen vor meinem inneren Auge Momente meines Lebens, die mich in Erinnerungen stürzen ließen. Ich sah mich, wie ich auf das schlafende Rom niedersah, wie ich durch uralte Wälder eilte, über Wiesen und Felder in meiner Jugend, in wunderbar warmen Sommern in kühle Seen sprang. Viel zu viel davon hatte ich vergessen, hatte mich mein Gedächtnis gezwungen zu verdrängen. Aber ich war immer noch diese Person. All die Freude und Unbeschwertheit vergangener Jahre lag sicher in mir verborgen, als Zeitkapsel. Warum hätte ich dies je aufgeben sollen? Ich hörte, wie hinter mir die Balkontür leise geöffnet wurde. Meine Freundin trat zu mir heraus, in eine Decke gehüllt. »Was machst du hier draußen?«, fragte sie. »Es ist drei Uhr morgens.«
»Ich konnte nicht schlafen«, antwortete ich.
Sie trat näher zu mir ans Geländer und sah mich an. Sie wirkte ein wenig besorgt.
»Ist es wegen gestern Nachmittag?«
»Ich weiß es nicht. Irgendetwas ist anders als sonst, aber ich kann nicht sagen was.«
»Komm wieder rein. Du holst dir hier draußen noch den Tod bei der Kälte. Lass uns noch ein wenig reden.«
Sie griff meine Hand und drückte sie. Ich lächelte. Selten war ich so froh gewesen, jemanden zu haben, der neben mir auf nächtlichen Balkonen im Winter stand.

Am Morgen hatte sich das Wetter ein wenig gebessert. Noch immer hing der bewölkte Himmel bleischwer über der Stadt, aber der Schneefall hatte aufgehört. Obwohl meine Nacht nur sehr kurz gewesen war, stand ich ermuntert auf. Meine Freundin war schon wach und lief schlaftrunken in der Wohnung umher. Wir verfielen wieder in unser altes Leben. Wir sprachen nur wenige, notwendige Worte. Wichtigere Dinge mussten erledigt werden. Ich zog mir hastig einen Anzug an, aß eine Schale Müsli, rief »Bis dann!« zu irgendwem, der es zu hören vermochte und eilte die Treppen hinunter. Von unten kam mir unser Nachbar entgegen, ein liebenswerter alter Mann, der seine Frau nunmehr um fast zehn Jahre überlebt hatte. In einem kalten Winter wie diesem war sie an Krebs gestorben. Der Mann erschien mir wie eine bloße Hülle, in der eine sterbende Seele wohnte. Seine Augen waren von Trauer gezeichnet, dies sah ich sofort. Er zitterte, wenn er nach dem Geländer griff, um sich abzustützen. Sein Gesicht wirkte eingefallen, blass und ausgezehrt. Zählte er nur noch die Tage? Je weiter das Leben voranschreitet, desto mehr sehnen wir uns danach, nicht alleine zu sein. All das, was uns ein Leben lang voneinander getrennt hat, bereuen wir nun und zehrt innerlich an uns. Woran mochte er noch glauben?
»Guten Morgen«, rief ich ihm zu.
Er schien meine Worte erst mit Verzögerung zu vernehmen. Sein Gesicht hellte sich auf.
»Guten Morgen«, gab er zurück. »Schon wieder unterwegs?«
»Ja, die Arbeit ruft«, antwortete ich.
»Passen Sie auf«, sagte er, »die Straßen sind glatt wie nichts. Mich hat es beinahe hingelegt.«
»Ich werde aufpassen«
Der Mann ging an mir vorbei und weiter die Treppe hoch. Ich sah ihm eine zeitlang nach. Was er wohl den ganzen Tag tat? Nie sah ich einen Besucher. Fernab jeglicher menschlichen Gesellschaft lebte er ein einsames Leben. Er blieb mir im Gedächtnis, während ich die Straßenbahn bestieg.

Mir war, als erlebte ich jeden Tag eine bestimmte Erinnerung erneut. Es waren die gleichen Schritte, die ich tat, während ich die Treppen in die Straßenbahn stieg, die gleichen Stufen, die ich erklomm, um ins Büro zu kommen, die gleichen Gesichter, die ich sah und grüßte. Schon war wieder ein Jahr vergangen, dachte ich mir. Eindringlich betrachtete ich die Augen meiner Kollegen. Fixiert starrten sie auf blau leuchtende Bildschirme. Andere suchten nach Weisheit in ihren Kaffeetassen, scheinbar. Wiederum andere sahen sehnsuchtsvoll aus dem Fenster. Doch immer wieder wandten sie ihren Blick von den noch immer schneebedeckten Hausdächern und Hochhausfronten ab, als würden sie selbst hier im Warmen die Kälte spüren, die draußen ihre Schreckensherrschaft führte. Ich wusste an jenem Tag überhaupt nicht, was ich eigentlich tat. Stunden zogen an mir vorbei, ohne dass mir eine einzige Erinnerung blieb. Sinnlose Fetzen von Gesprächen mit meinen Kollegen, die nicht zueinander passen wollten, spukten in meinem Kopf herum. Irgendwann war es spät geworden. Die Dunkelheit, die mich heute morgen empfangen hatte, als ich auf die Straße getreten war, erwartete mich nun wieder. Durch die mit grellen Licht erhellten Unterführungen ging ich zur U-Bahn, die um diese Uhrzeit die meisten Pendler beförderte. Wie Geister warteten die Menschen auf dem Bahnsteig. Eisiger Wind zog durch die dunklen Tunnel. Jeder starrte mit eiserner Miene ins Nichts. Mechanisch schoben sich die Menschenmassen in die viel zu engen Wagons. Nach einer halben Stunde erreichte ich schließlich die Station, von der aus ich zu meiner Wohnung zurücklaufen konnte. Ich musste mich beeilen. Für diesen Abend war ein weiterer, heftiger Schneesturm vorhergesagt worden. Über mir zogen sich bereits dunkle Wolken zusammen. Mit schnellen Schritten lief ich die wenigen hundert Meter zur Haustür. Bedrohlich erhoben sich die Häuser über mir, die an diesem Abend besonders abweisend und kalt wirkten. Ich zog meinen Schlüssel aus der Manteltasche und wollte ihn gerade ins Schloss stecken, als mein Blick auf die Klingeltafel fiel. Auf den Namen des alten Mannes, der mir heute morgen begegnet war. Er wohnte über uns. Ich dachte daran, wie ich selbst einmal alt sein würde. Ohne Familie, ohne Freunde, ohne einen Partner. Wie ich mich mit jeder Stunde mehr fragte, was mir von dieser Welt noch bliebe, wenn bereits alles hingewelkt wäre. Wie sich mir mein eigener Körper allmählich widersetzen würde. Wie mein Geist allmählich trüber würde und die Außenwelt verblasste, sich in unbeschreibliche Schemen auflöste. Mein einziger Gesprächspartner war ich selbst, mein Spiegelbild. Ich kannte niemanden und war allen fremd. Eine furchtbare Vorstellung. Ich erschauderte. Doch war diese Zukunft unveränderlich? War die Zukunft aus der Vergangenheit heraus unveränderlich? Ich dachte wieder an den alten Mann. Meine Erinnerungen schweiften zu der Zeit, als er seine moribunde Frau betreute, sie tagtäglich umschwebte, um ihre letzten Tage so angenehm wie möglich zu gestalten. Er fuhr sie im Rollstuhl nach draußen, in einen wunderbaren Spätsommer hinein, in dem angenehme Brisen wehten und goldenes Licht stundenlang durch die bunter werdenden Blätterschichten drangen. Ich schien diese Szenen wie durch eine Fensterscheibe zu beobachten: Klar und unmittelbar, aber doch irgendwie fern und fremd. Die Sonnenstrahlen kitzelten meine Nase, das Rauschen der Blätter tönte in meinen Ohren, der Geruch von nassem Gras haftete an meiner Nase. Hatte ich damals schon hier gewohnt? Ich meinte, mich nicht daran zu erinnern. Warum sah ich diese Bilder? Warum schienen sie mir so real zu sein, wie sie nur sein konnten? Ich sah plötzlich, wie der Mann neben seiner Frau auf einem Stuhl saß. Sie lag in einem weißen Bett, die Hände über ihrer Brust gefaltet. Im Hintergrund tickte irgendwo eine Uhr. Das schwache Atmen der Frau war das lauteste Geräusch. Sie wandte sich ihrem Mann zu. Sein Blick war weiterhin starr geradeaus gerichtet.
»Ich glaube, es ist soweit«, sagte sie.
Er antwortete nicht, sondern nickte nur stumm. Langsam nur richteten sich seine glasigen Augen auf sie. Er hatte viel getrunken in den letzten Tagen. Hatte gesehen, wie sie dem Ende entgegensteuerte. Wie ihr die Lebenskraft entschwand, fehlten ihm die Worte. Ein Leben voller wunderbarer Gespräche, all das lag nun hinter ihnen. Er blieb allein, mit niemandem, mit dem er seine Gedanken teilen konnte. Die Stille im Raum war nur ein Vorbote dessen, was er die nächsten Jahre über erleben würde. Er fasste die Hand seiner Frau. Sie umfasste sie ein letztes Mal. Ein schwaches Lächeln huschte über ihre Lippen in einem flüchtigen Augenblick. Dann schloss sie die Augen. Plötzlich wurde ich wie aus einem Traum gerissen. Wie von Panik gepackt sog ich die Luft ein. Die Szene, die mir eben noch so real erschienen war, löste sich in eine Explosion aus bunten Fetzen auf. Ich wankte und musste mich am Geländer festhalten. Es dauerte einige Zeit, bis ich wieder genug Bewusstsein besaß, um den Hausflur zu betreten. Benommen ging ich die zahllosen Stufen hinauf, die mir immer höher zu schweben schienen. Das Treppenhaus versetzte mich in Schwindel. Nach einer zähen Ewigkeit gelangte ich schließlich an meine Wohnungstür. Ich öffnete die Tür und trat in die dunkle Wohnung ein. Es schien, als wäre sie verlassen, aber hinter der angelehnten Schlafzimmertür hervor hörte ich den ruhigen Atem meiner Freundin. Ich war einen intensiven Blick auf die Wanduhr. Es war fast Mitternacht. Wieso hatte ich nur so lange gebraucht? Ich war für gewöhnlich um sieben Uhr von der Arbeit zurück. Erschöpft legte ich mich ins Bett. Ich schloss die Augen und lauschte in die Nacht hinein. Viele Stunden lag ich wach und hörte dem Singen des Windes zu. Beklommenheit überfiel mich. Mein Leben erschien mir mit einem Male einsam und fern. Ich spürte, wie meine Freundin sich im Schlaf an mich schmiegte. Worüber nur sollte ich mich beklagen? Mir kam jener seltsame Nachmittag in den Sinn. Ich wusste nicht, was an jenem Tag passiert war. Irgendetwas in mir hatte sich verändert. Das gleiche Gefühl hatte ich heute wieder erlebt, als ich unseren Nachbarn und seine sterbende Frau vor mir gesehen hatte. Ein unheimliches und befremdliches Befinden war das gewesen. Klar wie durch eine Fensterscheibe hatte ich diese Szenen gesehen, war zu einem intimen Mitverschwörer geworden. Nachdem ich eine lange Zeit mit offenen Augen im Bett gelegen hatte, überwand mich der Schlaf und ich fiel in unruhige Träume. Sie mussten furchtbar gewesen sein, denn am nächsten Morgen erwachte ich schweißgebadet und von einer Panik besessen, die ich niemandem erklären zu vermochte.

»Warum bist du so still?«, hörte ich dumpf eine Stimme. Ich hob meinen Kopf. Verschwommene Umrisse schärften sich. Ich kannte diese Person. Ganz sicher. In meinem Kopf formten sich Worte zu einer Antwort, doch ich artikulierte sich nicht.
»Hey«
Ich erhielt einen Stoß gegen die Schulter. Plötzlich erwachte ich.
»Oh, tut mir leid. Ich bin einfach so unfassbar müde!«
»Das geht nun schon seit Tagen so! Sag‘ bitte, wenn es dir nicht gut geht. Du wirkst so blass«, sagte meine Freundin.
Ich wusste selbst nicht, wie mir bekam. Gähnend und mit einem faden Geschmack im Mund schenkte ich mir eine Tasse Kaffee ein. Der bittere Geschmack stieß mir übel auf. Mein Blick richtete sich auf meine Freundin, die lustlos in ihrem Frühstück stocherte. Sie wirkte verändert. Ihre Ausstrahlung war so kalt, so abweisend, als säße vor mir eine ganze andere Person. Jenes warme Gefühl, das Partner, die schon lange miteinander leben, füreinander empfinden war taub. Vielleicht lag es an mir. Ich forschte in mir, dachte an die Sommertage, die wir miteinander an Seen verbracht hatten, die herrlichen Winterspaziergänge, während denen wir uns gegenseitig in den Schnee geschubst hatten, die Worte, die wir ausgetauscht hatten, während wir unter freiem Himmel nackt gelegen hatten. All diese Erinnerungen waren noch immer präsent und strahlten, aber die Person, mit der ich diese Erinnerungen teilte, war nicht die Person, die nun vor mir saß. Zwar sah sie genau so aus, sprach mit der gleichen Stimme, benutzte die gleichen Wendungen und Gesten, aber ich war mir dennoch sicher, dass dies eine andere Person war. Ich erhob mich vom Tisch.
»Ich muss zur Arbeit«, sagte ich bestimmt und wandte mich ab. Mit größter Hast kleidete ich mich an, griff nach dem wärmsten Mantel, der an der Garderobe hing und verließ unsere gemeinsame Wohnung, die mir nunmehr als ein Ort erschien, an dem ein Mann wohnte und eine Frau, die meiner Freundin sehr ähnlich war, aber jener Mann war ganz bestimmt nicht ich.
Ich kehrte am frühen Abend zurück. Als ich im Begriff war, die Wohnungstür aufzuschließen, hörte ich eine Stimme.
»Warten Sie doch, Herr Nachbar!«
Ich drehte mich ruckartig um. Ein Schrecken durchfuhr mich. Der Schlüsselbund rutschte mir aus der Hand und landete scheppernd auf dem Boden. Vor mir stand die verstorbene Frau unseres Nachbarn. Ihr entging mein entgeisterter Gesichtsausdruck nicht.
»Ist alles in Ordnung? Sie wirken so verschreckt!«
Ich versuchte, die Fassung wiederzuerlangen.
»Ja…ja«, sagte ich mit einigem Zögern, »mir geht es gut.«
»Schauen Sie, dafür, dass Sie meinem Gatten neulich so nett beim Tragen geholfen haben, wollte ich Ihnen ein kleines Geschenk machen«, sagte sie und streckte mir einen kleinen, abgedeckten Korb entgegen. Ich nahm ihn vorsichtig entgegen.
»Vielen Dank…, ja vielen Dank! Immer wieder gerne«, erwiderte ich. Sie lächelte und ging wieder zur Treppe. Verwirrt hob ich den Schlüsselbund auf. Was sollte ich von dieser Begegnung halten? Die Frau meines Nachbarn war doch tot! Seit Jahren tot! Ich begann, an meinem Verstand zu zweifeln. Ich schloss die Tür auf und eilte sofort ins Wohnzimmer, nur um festzustellen, dass ich keine Idee hatte, warum ich eigentlich dorthin gelaufen war. Was war nur geschehen? War es Schlafmangel? Das Geschenk! Sie hatte mir doch ein Geschenk gegeben. Ich eilte zurück in den Flur und sah den Korb auf der Kommode stehen. Immer noch an meinen Sinnen zweifelnd, griff ich nach dem Korb und betastete ihn. Er schien wirklich zu sein. Ich hielt ihn in den Händen, spürte die Vertiefungen des Geflechts. Ich schaute hinein: Eine Flasche Wein sowie einige Delikatessen. Misstrauisch trug ich den Korb in die Küche, entkorkte die Weinflasche und nahm entgegen meiner sonstigen Gewohnten einen großen Schluck daraus. Hitze stieg in mir auf und mich ergriff das unwillkürliche Verlangen, mich zu entkleiden. Ich warf meinen Anzug auf das Sofa und mein Unterhemd hinterher. Meine Hose hing ich achtlos über einen Sessel. Ich legte mich nackt auf den Wohnzimmerteppich und starrte die Decke und. Immer mehr des Weines goss ich in mich hinein, bis ich ihn schließlich über meinen Körper schüttete. Ich lachte laut auf. Mit Fäusten packte ich meine Haare und zog daran, riss Haarbüschel heraus. Dann stand ich plötzlich auf und begann zu tanzen. Mit wilden Bewegungen hüpfte ich durch den Raum. In meinem Kopf drehte sich alles. Einem inneren Impuls folgend schüttelte ich meine Gliedmaßen. Mich immer schneller im Kreis drehend riss ich Vasen und Bilder von Wänden und Kommoden und lachte darüber noch lauter, bis an die Grenze zur Heiserkeit. Alles verwüstend, riss ich ein gerahmtes Bild von mir und meiner Freundin herunter, zerbrach es und zündete das Papier an. Ein Landschaftsgemälde, das meine Freundin vor einigen Jahren angefertigt hatte und dem sie sehr nachhing, zerstach ich und war es die Trümmerteile aus dem Fenster. Die Zerstörung, die ich über diesem Raum beschwor, verschaffte mir eine unheimliche Freude. Wie ein apokalyptischer Reiter fiel ich über alles her, was sich im Wohnzimmer befand, alles was mir oder überhaupt jemandem etwas bedeutete. Ein gräßliches Feuer wütete in mir und es bereitete mir fast Lust, all die Dinge zu zerbrechen, die die tiefsten und wertvollsten Erinnerungen in sich trugen. Warum klammerten wir uns überhaupt an Dinge, deren Wert nur in dem flüchtigen Zugriff auf Erinnerungen bestand, die von Jahr zu Jahr weiter zerflossen? Immer stärker traten schwarze Flecken in mein Sichtfeld. Ich stolperte und verlor schließlich das Bewusstsein.

Es mussten einige Stunden vergangen sein, als ich wieder aufwachte. Mein Kopf dröhnte vom Alkohol. Geblendet vom grellen Licht der Deckenlampe stemmte ich mich auf. Ich hörte aus der Küche das Klirren von Gläsern. Ich versuchte, meine völlig zerzausten Haare zu glätten und sammelte die auf dem Boden verstreut liegende Kleidung auf. Mit zusammengekniffenen Augen ging ich in die Küche, wo meine Freundin die Spülmaschine einräumte. Sie schien erschöpft zu sein und sah müde auf, als ich den Raum betrat. Sie begrüßte mich nicht, sondern stellte mir nur eine Frage:
»Warum?«
Wie bleierne Luft schwebte dieses Wort im Raum. Ein Mauer der Stille. Sie sah mich mit schmalen Lippen an. In ihren Augen spiegelte sich eine düstere Traurigkeit wider. Mein Gesicht spiegelte sich in der Fensterscheibe der Küche. Ich erkannte mich selbst nicht wider. Nichts erkannte ich. Erschrocken sah ich meine Freundin an. Ich versuchte Erinnerungen anderer Zeiten abzurufen, aber mir schien, als wäre dies unmöglich geworden, in jenem Moment, als ich die Erinnerungsstücke zerstört hatte. Es war, als stünde eine Fremde vor mir und ihr erschien ich wie ein Wilder, ein unkontrollierbares Wesen ohne Geschichte. Ich senkte betreten den Kopf. Ich war ein Monster. Ein heiseres »Es tut mir leid« entfuhr meinen Lippen. Sie antwortete nicht. Wortlos klappte sie die Tür der Spülmaschine zu und schob sich an mir vorbei. Ich wollte mich noch zu ihr wenden, aber ich ließ es und sah still aus dem Fenster. Erneut herrschte draußen ein heftiger Schneesturm.

Photo by Jeremy Zero on Unsplash

Reliqua pars sequitur

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