Wo Zeit vergeht (II)

Ich schlief allein in dieser Nacht. Meine Freundin war gegangen, hatte sich durch den Schnee gekämpft. Ob sie zurückkäme, wusste ich nicht. Starr blickte ich die Decke über mir an. In meinem Kopf summte irgendeine Melodie, die ich irgendwann einmal gehört hatte. Konversationen aus vergangenen Jahren spielten sich in meinem Kopf ab. Mit seltsamen Leuten hatte ich geredet, dachte ich. Kein Licht war im Zimmer. Es war schwarz um mich. Zähe Dunkelheit umhüllte mich. Ich griff wie im Traum nach Schemen, deren Existenz mir meine Wahrnehmung einreden wollte. Doch die seltsamen Formen, die vor meine Augen traten, lösten sich in dem Moment auf, in dem ich sie berührte. Es dauerte lange, bis mich der Schlaf erlöste und ich die Hoffnung hegte, dass ich morgen wie aus einem Traume in mein Leben zurückkehrte. Als ich schließlich am nächsten Morgen aufwachte und mich in seltsamer Trägheit aus dem Bett hob, wusste ich sofort, dass die Dinge nicht in ihre gewohnte Ordnung zurückgefallen waren. Seufzend stieg ich aus dem Bett und schlurfte in die Küche. Eiskalt war es in der Wohnung. Irgendwo musste ich ein Fenster offengelassen haben. Ich setzte die Kaffeemaschine in Gang und sie verrichtete mit einem mechanischen Ächzen ihre Arbeit. Wie sehr diese Abhängigkeit vom der schwarztrüben Flüssigkeit doch fortgeschritten war. Wie ich es gewohnt war, schaltete ich das Radio ein und lauschte den zumeist vollkommen unbedeutenden Nachrichten. Ich musste meine Gedanken in eine andere Richtung lenken.

»Am heutigen Morgen ereignete sich ein schweres Unglück auf der Metrolinie 21. Aufgrund menschlichen Versagens kollidierten auf der Strecke drei Züge miteinander. Es kam zu 30 Toten und mehr als 200 Verletzten«, dröhnte die blecherne Stimme des Radiosprechers aus den Boxen. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in mir aus. Meine Freundin nahm immer die Linie 21, ging es mir durch den Kopf. Ich sah hinaus. Eine Träne lief meine Wange hinunter. Es war wie der erste Regentropfen, der ein Gewitter ankündigte. Sanft schlug er auf den Blättern des Baumes auf und rann hinab, bis er vom Boden verschluckt wurde. Ein Donnern, das Rauschen des Windes in den Baumwipfeln. Solange dauerte es, bis dunkle Wolken den Himmel und Regenstreifen die Erde bedeckten. Ich stützte mich am Küchentisch ab und sank langsam daran hinunter. Ein Zittern überfiel meinen ganzen Körper. Der Boden war eiskalt. Nichts sagte mir, dass das eingetreten sein war, woran ich dachte. Ich sah zur Decke hinauf. Starrte den Riss im weißen Putz an. Schon seit Jahren klaffte er an dieser Stelle. Es musste kurze Zeit nach unserem Einzug gewesen sein, dass ich ihn zum ersten Mal bemerkt hatte. Nie hatte ich mich weiter um ihn gekümmert. Doch nun zog er meine vollständige Aufmerksamkeit auf sich. Ich spürte, wie meine Blicke in ihn hineingesogen wurden. Dieses Nichts im Raum. Wie eine finstere Schlucht verschluckte er meine Blicke. Ich schloss die Augen und gewann den Eindruck, hineingezogen zu werden in eine tiefe Leere. In meinen Ohren echote ein Rattern, wie von stählernen Rädern auf Gleisen. Die eiskalte Zugluft, die durch die dunklen Tunnel zog. Das grelle Licht des Zuges, der mit hoher Geschwindigkeit in die Dunkelheit hinein raste. Ich sah Menschen, die verkrampft versuchten, sich nicht gegeneinander ansehen zu müssen. Ein stechender Geruch nach Desinfektionsmittel und Zigarrenqualm biss mir in die Nase. Es war, als würde ich mir selbst ins Auge zu sehen und eine furchtbare Angst überfiel mich. Das metallische Reiben der Räder auf den Schienen wurde immer lauter und unerträglicher in meinen Ohren. Ich begann zu schreien, doch niemand schien mich zu hören. Immer lauter brüllte ich, bis zur Heiserkeit. Meine Augen begannen zu tränen. Dann sah ich in die Gesichter der Leute, in die nun die blanke Furcht trat. Sie sahen nach vorne und sahen ein Licht auf sich zukommen. Dann begannen sich zwei Lichter zu überlagern. Ihre Münder öffneten sich zu stummen Schreien, doch ihre Stimmen vermochten sie nicht mehr zu retten. Stille rauschte in meinen Ohren. Dann ein Schock, der meinen Körper durchfuhr. Plötzlich sah ich in das Gesicht meiner Freundin, das blutverschmiert in die flammenden Reste von Stoff eingehüllt war. Rauschschwaden zogen über sie hinweg, wie auf einem mystischen Eiland. Ich glaubte nicht an den Himmel. Ich wusste nicht, wohin sie gegangen war. Ein grelles Licht explodierte vor meinen Augen. Ihre Gesichtszüge lösten sich zu feinen, silbrig-bunten Fasern auf. Ihre Form zerfloss im Licht und eine große Kraft riss mich nach hinten, riss mich in den dunklen Tunnel zurück. Die Welt löste sich in Kristalle auf, kleine glitzernde Steine, die nach und nach in immer kleinere Stücke zerbrachen. Und ich dachte daran, wie alles war. Wie sie mich umarmte hatte, nachdem ich von einer langen Reise zurückgekehrt war. Wie ich ihr meinen Schal umgelegt hatte, als wir in der winterlichen Kälte miteinander spazieren gegangen waren. Wie sie mir die Worte ins Ohr geflüstert hatte, die ich nun nichts mehr auszusprechen wagte. Und plötzlich explodierte die Welt in tausend Farben. Ich taumelte und fiel hinab in die dunkle Nacht, vom Himmel herab auf die grell erleuchtete Stadt. Seufzend schloss ich die Augen und als ich sie wieder öffnete, war wieder Stille um mich. Ich lag in meinem Bett, die Augen an die Decke gerichtet. Was war geschehen? Ich umklammerte die Bettdecke und hörte, wie jemand neben mir atmete. Ich drehte mich um und erkannte in der Dunkelheit Umrisse. Vorsichtig berührte ich die Person und ich wusste, dass sie es war. Ich fuhr erschrocken zurück. Wie war dies möglich? Ich hatte ihr Ende gesehen. Mein Herzschlag beschleunigte sich und ich rüttelte an ihrer Schulter. Sie drehte sich verschlafen zu mir um.
»Was ist?«, fragte sie.
»Warst du heute nicht auf der Arbeit?«
»Nein, ich habe mich nicht so gut gefühlt. Da bin ich hier geblieben. Aber warum fragst du mich das? Das habe ich dir doch schon vorhin beim Essen erzählt.«
Sie gähnte und drehte sich wieder zur anderen Seite. Mir fehlte jede Erinnerung an dieses Gespräch. Es war, als spräche sie von und mit einer anderen Person, als ich es war. Nicht Ich war es, dem ihre Worte galten, sondern dem Bild, das mir in allen Dingen glich, mit der Ausnahme, dass es ein Bild aus einer anderen Zeit war. War ich in jene Zeit eingetreten, in der sie nie gestorben war? Die Welt fühlte sich identisch an. Ich umklammerte meine Bettdecke und fühlte die Textur. Nichts war verändert. Der leichte Geruch von Lavendel, der das Schlafzimmer erfüllte, war genauso gegenwärtig, wie das in regelmäßigen Abständen aufblickende Licht des Rauchmelders. Wer auch immer sich diesen Traum ausgedacht haben musste, besaß ein Faible für die kleinsten Details. Es war doch lächerlich! Wie konnte ich die Zeit manipulieren? Gleichermaßen war es nicht ausgeschlossen, dass ich ein Opfer des unberechenbaren Spiels war, das die Zeit mit uns trieb.

Am nächsten Morgen stand ich früh auf. Es war Wochenende und ich wollte einem ganz bestimmten Gebäude einen Besuch abstatten. Jetzt, da ich gefangen schien in den unbarmherzigen Fängen der Zeit, wollte, ja musste ich einen Ort besuchen, an dem die Zeit stillzustehen schien. Ungewöhnlich für diese Zeit war der klare Himmel, dessen sattes Blau stark mit der grau-braunen Bebauung kontrastierte. Das Haus, das ich aufsuchen wollte, befand sich etwas außerhalb des Stadtzentrums in einer Gegend, deren alter Glanz allmählich dem Moder und dem Verfall wich. Es war, als schämte man sich dafür, nicht mehr in der Lage zu sein, die Gebäude aus fernen Jahrhunderten zu erhalten. Graffiti zierte die Mauern und abblätternden Außenfassaden der vormals prächtigen Patrizierhäuser. Vielleicht aber war es auch eine systematische Selbsttäuschung meiner Zeitgenossen, die dem Elend und dem falschen Fortschritt unserer Gegenwart den Anschein geben wollten, besser zu sein als das, worauf wir unsere Welt errichtet hatten. Die öffentlichen Verkehrsmittel steuerten diesen Stadtteil schon gar nicht mehr direkt an und die letzte Fahrt endete etwa drei Kilometer von meinem Ziel entfernt an einer völlig heruntergekommenen Haltestelle, die nicht einmal mehr als solche gekennzeichnet war. Ich war der einzige Fahrgast, der sich noch in der Straßenbahn befand. Mit einer gewissen Wehmut blickte ich auf die Gegend, die ich einmal »Zuhause« genannt hatte. Es war schon erstaunlich, wie sich diese Begriffe im Laufe des Lebens wandelten. Doch die Orte, die mir einmal vertraut waren, existierten schon lange nicht mehr. Die Menschen, die den kleinen Laden an der Ecke betrieben hatten, waren verblichen. Mit Holzbalken versperrte Fenster und verfallene Gebäude waren alles, was sie hinterlassen hatten. Leere Straßen, leere Häuser und das unheimliche Gefühl, dass es irgendwann einmal überall dort, wohin ich meinen Fuß gesetzt hatte, so sein würde. Ich ging die Straße hinunter. In meinem Kopf begann sich alles zu drehen. Mir wurde schwindelig und ich musste mich abstützen. Es war, als würde alles in einen seltsamen Strudel gezogen, der alle Farben die ich sah, vermischte und in sich immer schneller drehende Wirbel umformte. Von schrecklichen Kopfschmerzen geplagt trat ich schließlich vor mein Ziel, ein zusehends verfallendes Haus aus einem anderen Jahrhundert. Ich kramte in meiner Jackentasche nach dem altmodischen Schlüssel, der mir die Pforte in meine eigene Vergangenheit öffnen würde. Ich musste mein ganzes Gewicht gegen die Eingangspforte legen, um diese unter einem fürchterlichen Ächzen zu öffnen. Das nunmehr durch die Tür einfallende Sonnenlicht ließ den Staub, der sich über die vielen Jahre, da ich zuletzt diesen Ort besucht hatte, tanzen. Etwas Tragisches lag über diesem Haus, über den mit Laken abgedeckten Möbeln, verstaubten Fensterbänken und blinden Glasscheiben. Es war, als würde ich einen Sterbenden besuchen, dessen letzter Wunsch es war, mich noch einmal zu sehen. Ich trat hinein und schritt langsam über die knarzenden Dielen, die mein Vater selbst hier verlegt hatte. Aus meinem Geist sprudelten Erinnerungen; wie mein Vater dieses oder jenes Bild angebracht hatte, meine Mutter mit mir durch diesen oder jenen Gang oder die Galerie gelaufen war. Ich dachte an diesen heißen Sommertage in der Stadt, an denen es mit Ausnahme des Kellers an keinem Ort mehr auszuhalten gewesen war. Vorsichtig stieg ich die Stufen zur Galerie hinauf. Jedes Objekt, das ich sah, fühlte sich nach Abschied an. Von der Galerie aus wandte ich mich nach rechts und folgte dem Gang, bis ich in das Zimmer eintrat, das einmal mein Eigenes gewesen war. Noch immer stand das wandfüllende Bücherregal dem kleinen Fenster zum Innenhof gegenüber. Die verblichenen Buchrücken waren mir zugewandt. Eine Welle von mächtigen Gefühlen ergoss sich über mir, als ich ans Fenster trat. Im Hof, umgeben von zerbrochenen Bänken und Steinquadern, die mein Vater einst dort abgestellt hatte, damit nie der Eindruck entstünde, das Haus sei vollendet, umgaben einen einzelnen Apfelbaum, der — soweit mich meine Erinnerung nicht täuschte — in jedem einzelnen Jahr Früchte getragen hatte, solange ich hier lebte. In den stetig heißeren Sommern, in denen die Straßen regelrecht kochten, spendete er mir eine wundervolle Kühle, die ich noch heute verspüre, wenn ich an damals zurückdenke. Als ich schließlich von hier wegging, und hier trügt mich mein Gedächtnis sicher nicht, rauschte eine kühle Spätsommerbrise über den Hof und ließ die Zweige des Baumes rascheln. Goldenes Licht brach sich über den Dächern. Ich war alleine hier und umarmte den Baum. Niemandem wollte ich es vergönnen, bei diesem persönlichen Moment Zeuge zu sein. All dies lag viele Jahre zurück. In unbarmherziger Eile war die Zeit seit dem vergangen. Aus dem, was einmal eine unmittelbare, fast noch greifbare Vergangenheit gewesen waren, waren blasse, brüchige Erinnerungen geworden, die von einem imaginären Faden durchwebt waren. Das Haus meiner Eltern, die Gänge und Zimmer, kamen mir immer mehr vor wie die Kulisse eines seltsamen Filmes. Nun verhallten die Schritte dumpf in dem leeren Haus. Auch die Erinnerungen an meine Eltern war nur ein schwaches Kerzenlicht in einer windigen Nacht. Sie — wie so viele andere — waren im Lauf der Zeit verblichen. Alles, was sie getan hatten, woran sie geglaubt, was sie gehofft hatten, war im lehmigen Boden der Erde versunken. Ihre Stimmen waren verklungen. Ein heiseres Wispern vermochte ich manchmal zu vernehmen, aber es entsprang meiner Einbildung. Die Wände der altmodisch zahlreichen Korridore waren behangen mit Bildern von ihnen, in den verschiedensten Lebensabschnitten. Nur ihre jungen Jahre waren aus dieser Lebensschau verschwunden. Wer einmal dem Altern ins Gesicht sieht, will sich wohl nicht mehr daran erinnern, als der Körper noch kräftig und der Geist noch scharf war. Manche Bilder zeigen mich. Auf einer Schaukel, lesen unter dem Apfelbaum oder an fernen Küsten. Es war seltsam zu wissen, dass ich nunmehr der einzige war, der diese Erinnerungen teilte. Für jeden anderen waren sie unwiderruflich entglitten, wie ein Blüte, die den wilden Strom hinuntergerissen wird. Ich ging wieder die Treppe hinunter, durchquerte das Wohnzimmer und trat auf die Veranda. Ich hatte mich nie von diesem Haus trennen können. Manche mögen dies als irrational einschätzen, aber für mich gibt es Orte, die Erinnerungen in sich tragen. Solche Orte sind Wächter von demjenigen, der ich einmal war. Hier, an jenem Sommertag vor vielen, undrandenklichen Jahren, war alles zu Ende gegangen. Mit einem Seufzer war meine Mutter zu einem Schatten geworden, der nunmehr einen anderen Ort durchwanderte. Nicht lange darauf war ihr mein Vater gefolgt und trug ihr einen erst blühenden, dann langsam welkenden Strauß Asphodelien hinterher. Ich war noch zu jung, um wirklich zu begreifen, was da geschah, dass nicht nur Vögel plötzlich aufhörten, ihr Lied zu singen, Flüsse kein Wasser mehr trugen und der ewige Verfall das alte Landhaus inmitten des Waldes Erinnerungen vergilben ließ. Nein, auch der Mensch, jene zarte Blüte, die die Welt beherrschte und glaubte, sie sich untertänig gemacht zu haben, war zerbrechlich. Ich schloss die Augen, wie ich es schon einmal getan hatte und stellte mir das vor, was ich nie erlebt hatte, Erinnerungen, die ich nicht gemacht hatte, zum Leben zu erwecken, mich selbst dorthin zu versetzen. Vor meinem inneren Auge erschien ein lachendes, spielendes Kind, das sich im Kreis drehte, umgeben von schemenhaften Personen. War ich diese Person? Ferner trug mich mein Geist zu windumtosten Gestaden, an denen ich mit einem schönen, hölzernen Segelboot auf das weindunkle Meer hinausfuhr. In dieser Welt musste ich nicht Abschied von den Personen nehmen, die mich liebten, ohne dass sich die Wahrheit, dass dieser Abschied endgültig war, vor mir verschloss. Aber ich spürte nichts in mir, als ich wie eine Art Regisseur diese Bilder sah, den Wind spürte und das warme Gefühl des Willkommenseins. Ich betrachtete mein Werk, mein anderes Leben, aber ich ging nicht in ihm auf. Kein plötzlicher Blitz, der durch meinen Körper zuckte. Es funktionierte nicht. Hatte ich die Zeit etwa doch nicht gezähmt?

Ich trat erschüttert den Rückweg an. Hatte ich mir wirklich eingebildet, diese meine Zeit in eine andere zu verwandeln? Aber ich befand mich doch in einer Zeit, in der meine Nachbarin überlebt hatte, in der meine Freundin nicht bei einem Unfall in der U-Bahn ums Leben gekommen war. Tausende Gedanken schwirrten mir durch den Kopf. Ich vergaß dabei völlig, welchen Weg ich eingeschlagen hatte. Die immer gleichgesichtigen Straßen waren wie ein eine einzige graue Masse an mir vorbeigezogen. Es dauerte einige Stunden, bis ich schließlich wieder in meiner Wohnung war. Meine Freundin hatte sich etwas gekocht.
»Wo warst du eigentlich den ganzen Tag? Du hast dich nicht einmal gemeldet«, sagte sie und stocherte lustlos in ihrem Essen.
»Ich war bei meinen Eltern im Haus.«
»Was hast du dort gemacht? Du warst doch schon Jahre nicht da.«
»Erinnerungen. Manchmal brauche ich das«, antwortete ich und nahm einen Schluck aus meinem Weinglas.
»Ich möchte da über etwas mit dir sprechen, aber versprich‘ mir, dass du mich nicht auslachst.«
Sie sah mich verwundert an.
»Warum sollte ich das tun? Ist es denn so merkwürdig?«
»Das ist es. Gestern gab es ein Zugunglück, bei dem du gestorben bist, aber zugleich bist du es ja nicht, denn du sitzt vor mir.«
»Gestern gab es aber kein Zugunglück. Wie meinst du? Ich kann deinen Gedanken nicht folgen.«
»Ich glaube, die Zeit verändern zu können. Ich habe dich vor dem Zugunglück gerettet. Dort unten, in den finsteren Schächten habe ich dich liegen sehen. Der Geruch von verbranntem Fleisch, von Tod und Verwesung hat in der Luft gelegen.«
»Du könntest das geträumt haben.«
Sie wirkte beunruhigt. Aber nicht deswegen, dass ich ihr das erzählte, was ich für meine Wahrheit hielt, sondern weil ich meine Hände immer stärker in den Tisch krallte, dass die Knochen meiner Hand weiß hervortraten.
»Ich weiß einfach nicht mehr, woran ich glauben soll. Erst kommt unsere tote Nachbarin zurück, fügt sich in das Leben ein, das ich erloschen glaubte und dann lebst du noch. Ich kann es nicht fassen!«
»Wäre es denn besser, wenn ich das nicht täte?«, fragte sie bitter.
»Natürlich nicht. Aber…ich habe das ja verhindert.«
Sie seufzte tief.
»Lass uns einen Spaziergang machen. Es ist so schön draußen. Jetzt, wo die Kälte für einige Tage weg ist.«
Ich willigte ein. Eine seltsame Aufregung wohnte in mir. Es war, als könnte ich die Luft knistern hören. In dicke Wollmäntel gehüllt traten wir auf die abendlichen Straßen und schlenderten in Richtung der Brücke, auf der wir uns zum ersten Mal geküsst hatten. Jene Tagen schienen so fern zu sein. Die Menschen auf den Straßen waren zu schwarzbekleideten Schemen geworden, die ziellos die Wege und Bürgersteige bevölkerten. Es schien, als seien wir alleine auf der Welt. Vielleicht waren wir dies auch. Ihre warme Hand griff in Meine und sie lächelte. Nebel hatte sich über die Dächer gelegt. Ungewöhnlich für diese Zeit und Ort war die Luft frisch und klar. Zu unserer Rechten lag nun der dunkle, langsam fließende Fluss, eingehegt durch menschlichen Willen zwischen steil aufragenden Stahlkolossen und kompakten Häusern aus einem anderen Jahrhundert. Die stets windumtoste Eisenbahnbrücke, an deren Seite ein Fußgängerweg über das Wasser führte, ragte wie ein menschengemachtes Gebirge vor uns auf. Wie einst Entdecker zog ich mit ihr an meiner Seite die Treppen hinauf. Der milchige Nebel legte sich dichter an uns, klebte an uns. Über uns dröhnte n die Schienen und versetzten die Brücke in Schwingungen. Doch dieser Weg war für uns mit besonderen Erinnerungen verbunden. Ich dachte oft daran, an jenen Sommer, jenes Gefühl. Manchmal fühlte es sich an wie eine verlorene Zeit. Mir stieg der Geruch von abgeriebenem Stahl in die Nase, während wir mit den Schienen neben uns spazieren gingen. Aus der Tiefe stieg der Geruch des Flusses zu uns hinauf. Rauschend zogen die Wassermengen unter uns entlang. Wir blieben in der Mitte der Brücke stehen und lehnten uns an das Geländer. Der Wind blies uns kühl um die Nase. Grelles Licht näherte sich, als der Zug ratternd über die Brücke zog. Gerade als er an uns vorbeigezogen war, hörten wir Sirenen heulen. Wir sahen uns in die Augen. Es war eigentlich kein Ort, der Menschen inspirierte oder zusammenbrachte. Die alte Brücke, für die immer wieder Abrisspläne zirkuliert, war jedoch eigenartigerweise für viele ein Ort der Erinnerung und so gab es jedes Mal, wenn erneut solche Pläne schonend der Öffentlichkeit zugeführt wurden, heftige Proteste. Gerade in den Sommermonaten jedoch zog es die Menschen aus den an die Brücke angrenzenden Stadtteilen auf die jeweils andere Seite. Ich dachte an das Glück, das ich besaß, und daran, wie zerbrechlich es war. Das Glück nicht alleine zu sein, wusste man doch erst dann zu schätzen, wenn jedes Wort, das man mit anderen sprach wie eine Maske wirkte, die man sich überzog, jedes Wort eine kleine Lüge war. Denn man war so nicht. Alleine die Welt durchschreiten zu können, ist die Illusion der Jungen, derjenigen, die glauben, sie seien ein neuer Atlas, dem die Welt auf den Schultern lastet. Ein einsames Herz ist ein krankes Herz. Ich wusste, wie sich dies anfühlte. Sich selbst zu berühren und nur Kälte zu spüren. In die Nacht hinauszublicken, aber nur die Formen zu erkennen, aus denen die Menschen bestehen, aber nicht sie selbst. Resigniert über das Pflaster zu streifen, ohne Ziel und Tür, an die man klopfen könnte. Niemand würde öffnen, oder vielmehr: Dies war, was man dachte. Auch wenn wir nun Arm in Arm auf der Brücke standen und auf den im Licht der Hochhäuser funkelnden Fluss hinausschauten, konnte ich diese Gedanken nicht verdrängen.

Wochen vergingen, still. Ohne es wirklich zu merken, glitten wir in unser gewohntes Leben zurück. Manchmal hatte ich fast den Eindruck, dass das, was ich erlebt hatte, überhaupt nicht real gewesen war. Vielleicht hatte ich es bloß in einem Film gesehen oder im Radio gehört. Nur die hartnäckig bleibenden Erinnerungen, die sporadisch an die Oberfläche meines Bewusstseins trieben, ließen mich an dieser Erklärung zweifeln. In den alltäglichsten Situationen, in der Küche, wenn wir gemeinsam das Geschirr abwuschen und meine Freundin mich anlächelte, spürte ich diesen fernen, unerklärlichen Schmerz, den ich empfunden hatte, als ich dachte, nein, davon überzeugt war, sie sei tödlich verunglückt. Mit Mühe musste ich dies jedes Mal überspielen. Aber es war nicht nur die Person, mit der ich meine Wohnung teilte, die mir zugleich tot und lebendig erschien. Wenn ich abends von der Arbeit kam, schien es, als verschwänden immer wieder die Gesichter der Anderen aus der Menschenmenge, die sich durch die Straßen schob. Ich wusste kaum mehr zu sagen, ob ich mir dies einbildete, vielleicht war es so. Immer tiefer zog ich mich in meine Gedankenwelten zurück, die überall hin führten, nur nicht in mein altes Leben zurück. Ich sah die Zeit in die merkwürdigsten Richtungen laufen: Vor meinen Augen in der Straßenbahn verwandelte sich ein alter Mann in einen jungen Mann und eine junge Frau fiel in sich zusammen und sah mich nur noch aus müden, gealterten Augen an. Dann schien die Zeit gar ganz stehengeblieben zu sein. Schneeflocken hingen leblos in der Luft und das Rufen des Windes, der durch die Häuserschluchten blies, war verstummt. Ich rief in die Stille hinein, doch mein Echo war nicht zu hören.

Eines Abends, als sich einer der winterlichen Stürme gelegt hatte, war meine Freundin früh zu Bett gegangen, während ich noch wach blieb. Mir war es immer schwerer gefallen, einzuschlafen. Stundenlang kreisten meine Gedanken, während mein Körper sich nach Ruhe sehnte. Ich ging mit einem Glas heißen Schnapses und in eine Decke gehüllt auf den Balkon und setzte mich. Sanft rieselten einzelne Schneeflocken vom Himmel hinab und bedeckten wie eine dünne Zuckerschicht die Dächer der Häuser. Stille herrschte hier, hoch über der Stadt. Viel zu selten bewunderte ich den herrlichen Ausblick. Ich dachte darüber nach, wie vor vielen, vielen Tausend Jahren dieser Ort von Wald überzogen sein musste, sanft durchquert von einem sanft plätscherndem Fluss, während in den Baumwipfeln Vögel sangen. Dies war alles verschwunden, damit wir Menschen hier leben, unseren Berufen nachgehen konnten. Was hatten wir diesem Ort zurückgegeben? Der Schnaps schien mir schon in den Kopf gestiegen zu sein, als ich eine Stimme hörte, die mir unbekannt war. Sie schien aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen. Es war seltsam. Beinahe schien es, als wäre die Zeit stehengeblieben und ich könnte die fallenden Schneeflocken in der Luft stillstehen sehen.
»Wie geht es dir?«, hörte ich die Stimme sagen.
»Wer bist du?«, fragte ich zurück.
»Wer könnte ich sein, was denkst du?«
»Irgendjemand.«
Vor meinem inneren Auge und wie durch einen rötlichen Schleier erschien plötzlich der Apfelbaum, der in voller Blüte stand. Gefühle überwältigten mich.
»Die Zeit?«, sagte ich schwach.
»Ja.«
»Warum konnte ich meine Nachbarin retten? Warum ist meine Freundin nicht tot?«
»Weil du es so wolltest, wie es gekommen ist.«
Mein Bewusstsein taumelte. Das Schnapsglas fiel mir aus der Hand.
»Aber warum ich? Ich wusste ja nicht einmal, was ich tat.«
»Manchmal ist bloß ein Geschenk, dessen Konsequenzen ich betrachten möchte, wie Menschen mit dieser Macht umgehen. Und ich habe gesehen, dass es auch solche gibt, die dieses Geschenk für das Gute einsetzen.«
Ich merkte, wie ich diese letzten Worte selbst sprach und ein kühler Luftwind mich aus den Gedanken riss. Der Schnee fiel wieder auf meine Nase und die einsetzende Kälte der tiefen Nacht zwang mich, wieder nach drinnen zu gehen. Ich war müde. Der Alkohol hatte meinem müden Körper den Rest gegeben. Ich zog mich bloß aus und wickelte mich in die Bettdecke. Während der ganzen Nacht musste ich fürchterlich geschnarcht haben, denn ich erhielt immer wieder Tritte in die Seite.

Am nächsten Morgen war ich recht früh wach. Ich schwang mich aus dem Bett, ging in die Küche, um einen Kaffee zuzubereiten und setzte mich anschließend ins Wohnzimmer. Ein dunkler Himmel starrte mir durch die halbvereisten Fenster entgegen. Wie fern ich diese Jahreszeit doch wünschte, die mich so bedrückt hatte. Ich schloss die Augen. Grüne Landschaften blühten auf, sterbende Bäume rafften sich zu neuem Leben auf. Es war, als strömte eine Wärme aus mir heraus. Vielen war die Möglichkeit gegeben, Gutes zu tun, aber realisiert wurde dies zu selten. Als ich die Augen öffnete, war die Welt verwandelt: Ein blauer, sanft von Wolken durchzogener Himmel wölbte sich über der Stadt. Ich hörte die verwaschenen Stimmen der Stadt, das Hupen der Autos, das Rattern der Straßenbahnen auf stählernen Schienen und die undefinierbare Einheit von Hunderttausend Stimmen. Die Bäume, die unsere Allee säumten, erblühten in grüner Pracht und schwenkten von einer frühlingshaften Leichtigkeit beseelt ihre Kronen. Wärme strömte aus diesen Eindrücken und ich lächelte, was mir wunderbar leicht fiel. Was war dies nur für ein eigenartiger Winter gewesen? Bis in die Grundfesten hatte er mich erschüttert und mich an allem zweifeln lassen. Eigentlich wusste ich noch immer nicht mehr, aber am rosenfingrigen Horizont zeichnete sich die Einsicht ab, dass es auf manche Fragen keine Antwort gab und manche Gedanken Generationen verbanden. Aus der Küche hörte ich das vertraute Geräusch der Kaffeemaschine.

Der Frühling hatte uns gerettet. War ich gerade erst aufgewacht?

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