Als ich mit Homer sprach

Ich streifte einst eines vergangenen Tages durch verträumte Gärten bei Nacht. Dunkle Gedanken ergriffen mich. Leise flüsterte ein Bach, der sich mäandernd durch das Grün des Gartens zog. Verwunschen wirkten die Bäume, deren Wipfeln sich mir neigten und sich wieder erhoben. Meine Schritte waren leicht und geschwungen. Der Moment, in dem ich mich befand, dehnte sich in unendliche Länge und ich wünschte, Teil davon zu sein. Leuchtende Sterne durchbrachen die Wache des bläulich-grauen Himmels in dieser Nacht. Ich stieß einen Seufzer aus. Uns Menschen waren nur wenige solcher Momente vergönnt. Sie tragen uns meilenweit zu fernen Gedanken, die uns nur flüchtig erscheinen, aber immerzu uns umschwärmen, und geben uns ein Gefühl von unerreichbarer Tiefe, in die wir fallen, aber in die wir fallen wollen. Sie möge uns verzehren, denken wir, damit wir in ihr aufgehen können. Der Garten war erfüllt von Schattenspielen, deren Gestalt sich wanderte, je nachdem, ob ich mal ferner stand, mal näher an sie herantrat. Es mögen vielleicht nur die Ausprägungen des Einflusses von Licht und Wind gewesen sein, doch mein Geist war über sie entzückt, verwundert, mit Begeisterung erfüllt. Ich durchquerte den Garten bis an die Pforte, von der aus ein enger, sich durch die Klippen windender Pfad hinunter zum Strand führte. Mit metallischem Ächzen öffnete sich das gusseiserne Tor. Vom Weg aus eröffnete sich mir ein Panorama auf das Meer, dessen nächtliche Farbe nicht von der des fernen Horizonts zu unterscheiden war. Vorsichtig stieg ich die durch menschliche Anstrengung in den Stein gehauenen Stufen hinunter. In verwaschenem Weiß zeigte sich in der Nacht der Schaum der Fluten. Die Nacht hatte mich nun fest in ihren Bann gezogen und führte mich immer näher an ihre unergründliche Natur heran. Auf halber Strecke zum Strand hinunter, sah ich nach oben, zurück zum Garten, den ich durchwandert hatte. Ob mich jemand bemerkt hatte? Ich war wie ein Phantom, ein körperloser Schatten, oder zumindest bildete ich mir dies in Nächten wie jenen ein, über die ich berichtete. Am Strand entledigte ich mich meines Schuhwerks und wanderte über den feinen Sand. Ich schloss die Augen und konzentrierte mich auf die Geräuschkulisse des schäumenden, wirbelnden Meeres und auf die salzige Luft, die meine Lungen erfüllte. Ich war an einem Strandstück angelangt, welches auf beiden Seiten von einer Ebene aus Felsen umschlossen war. Im fahlen Mondlicht sah ich in der Ferne den Dichter stehen, dessen flatternder Umhang milchig leuchtete. Er lächelte abwesend. Ich blieb stehen und sah ebenfalls auf das wilder werdende Meer hinaus. Hinter dem Dichter erhob sich im Zwielicht ein weißer Vogel, der mit wenigen Schwüngen zu mir hinüberflog, schließlich in die Höhe stieß und in den Lüften der Höhe verschwand. Eine seltsame Traurigkeit überfiel mich. Dunkle Wolken zogen sich in meinem Geiste zusammen. Vor meinem inneren Auge erschienen plötzlich Bilder, die ich jedoch nicht kannte, sie waren mir fremd. Ein leerstehendes Haus auf einem Hügel, ein Segelschiff, das auf weitem, leeren Ozean trieb, scheinbar ohne Richtung und ohne Ziel, zwei ineinander gewachsene Bäume, die im Sturm krachten und sich bogen, wie sie aus ihrer Umarmung gerissen wurden. In sanfter Träumerei entrückt, schien der Dichter mir entgegenzutreten und mit mir zu sprechen: 

»Alles, was einst über die Erde schwebte, wandelte bereits einmal über sie. Denn alles nimmt die Erde, das sie schenkte, zurück, und vergeudet nicht das geringste. Ich weiß noch, wie ich in einem Pfau wohnte und meine Träume mich von Ort zu Ort trugen. Aller Geist sucht nur nach sich selbst und finden denjenigen, die sie am weitesten zu tragen vermag.«

Dann schien seine Gestalt zu verschwimmen, bis sie eins mit dem Horizont wurde und sich auflöste. Ein wunderbares Gefühl durchströmte mich. Ich ließ mich in den Sand fallen. Der aufgewirbelte Sand formte sich vor meinen Augen zu Schlachten zwischen Helden, Kriegen zwischen Göttern. Gebannt folgte ich den Szenen. Ich hörte das metallische Scheppern der Speere und Schwerter, Rufe und Schreie in fremden Sprachen und dann nur noch das Rauschen des Meeres in dieser Nacht. Für unbestimmte Zeit ruhte ich in Verschmelzung mit meinen eigenen Gedanken, mit Wissen beschäftigt, dessen Tragweite sich mir erst allmählich öffnen würde. Allmählich begang die Sonne ihre Strahlen vorsichtig vom Ende des Horizonts aus zu mir zu senden. Ich begriff, dass ich zurückkehren musste, mich wieder einfinden musste nach dieser wunderlichen Nacht. Von Gedanken in die Realität, von Träumen zu zerbrochenen Wirklichkeiten, vom Wissen um die Vergänglichkeit aller lebenden Dinge, allen Lebens dieses Universums, zurück zum eitlen Ehrgeiz, Gefühle zu erleben, die sich dem Zugriff des Menschen wie wolkiger Tau entziehen. Ich wandelte den Weg zurück, den ich so verträumt zurückgelegt hatte. Der Garten hatte seinen Zauber verloren und lag gar unbelebt vor mir. An die zurückliegende Nacht sollte ich noch lange denken und ich blieb nunmehr bis spät in die Nacht auf, um den Mond zu sehen und in dessen silbrigem Licht meine Verse zu schreiben. So übernahm ich auch diesen: Freunde, sucht den Mondhafen auf! 

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